Das Gender-Problem

Warum eine Meinung äussern wichtig ist?

Die Thematik um Gender also die Geschlechterrollen haben im mir immer wieder umbehagen ausgelöst. Ich glaube fast alles was man über dieses Thema schreiben kann ist anstössig. Wenn es das nicht im Moment ist, dann bestimmt in der Zukunft. Wenn die Haltung nicht vollkommen "progressiv" ist (← was auch immer das heisst), dann wird ein Shit-Storm kommen. Vor kurzem schaute ich ein Interview mit Richard David Precht. Er formulierte aus was mein Bauch schon lange wusste. Er konnte es in Worte fassen und auch belegen. Ich sah schon vieles von ihm und ich finde ihn eine unangenehme Person zum zuhören. Für mich ist er überheblich und das selbst, wenn er schlechte Argumente hat. Warum ich dieses Interview zu Ende schauen konnte weiss ich bis heute nicht, denn er ist auch in dem unangenehm.

Er machte mich jedoch aufmerksam auf eine Problematik. Heute fühlen sich viele Menschen nicht frei, ihre Meinung zu äussern. Precht sagt korrekt, dass gesetzlich kein Rückschritt passiert ist, doch Gesellschaftlich. Heute haben Menschen Angst, dass ihre Meinung ihnen irgendwann zur Last wird. Daher äussern sie sich lieber nicht. Wer nichts sagt, sagt nichts Falsches. Doch unsere Demokratie funktioniert nur, wenn diese Angst so klein wie möglich ist. Demokratie ist nicht ob man wählen darf: Sondern ob man Meinungen im öffentlichen Raum diskutieren kann. Denn nur wenn man das kann, kann man danach entscheiden: Ja die Person mit diesen Meinungen vertritt mich und wähle ich darum. Doch wenn alle konforme Meinungen äussern um nicht anzuecken, dann weiss der Wählende nicht die Meinung der politisierenden Person.

Das Problem ist aber noch grösser. Die Politikerin oder der Politiker hat ja nicht, keine Meinung, sondern sagt sie einfach nicht. Darum könnte es dann sogar sein, dass ich jemanden wähle, der genau die Meinungen vertritt, die ich nicht will, aber weil er oder sie sich nicht frei genug fühlt, weiss ich es nicht.

Das Problem ist tief und könnte viel darüber geschrieben werden. Mache ich hier nicht. Nicht zu letzt, weil ich mich nicht eingelesen habe. Das ist aber nur eine Einleitung um über etwas zu schreiben, über das ich mich ebenfalls nicht eingelesen habe 😉. Ich tue das um dem obigen Problem entgegen zu wirken. Ich möchte meine Meinung äussern, selbst wenn ich dadurch irgendwann einen Schaden davon trage. Doch ich kann nicht vorwärts kommen in meinen Gedanken, wenn ich sie nicht aufschreibe und darüber reflektiere. Auch das Denken hat mich in die Positionen gebracht in der ich jetzt bin (Ingenieur, Politiker) und wenn mich das Denken aus diesen Positionen wieder befreit, dann sei es so.

Meine Herkunft

Bei so sozialen Themen wie disen finde ich es unerlässlich meine Herkunft und meine Berührung mit dem Thema zu erläutern. Denn diese Färben meine Sicht wesentlich.
So wurde ich konservativ christlich erzogen. Ich wuchs in einer Freikirche auf und dort war klar, was Mann und Frau ist und wie sie sich zu verhalten haben. Es wurde zwar nicht ausgedeutscht, aber es war dennoch klar, dass die Frau die 4 Kinder von 3 Männern hat, ihr Leben nicht im Griff hat. Oder dass der Mann in Frauenkleidern in Schaffhausen "abartig" ist. Es wurde nicht zu einer Theorie oder Systematik gefasst. Es wurde nur Bezug genommen auf: "Und Gott schuff sie als Mann und Frau." (was ja nicht mal korrekt übersetzt ist). In meinen frühen 20er Jahren wurde dann Themen wie "Gender-Mainstreaming" und "Homosexualität" zu grossen Themen. Natürlich ohne irgendeine Person in unseren Reihen zu haben, die schwul, Trans oder (Gott bewahre) Queer ist. Menschen bildeten sich Meinungen ohne mit den Menschen gesprochen zu haben. Sie errichteten Schutzwälle um ihre Weltansicht zu schützen, denn diese "modernen Verirrungen" fühlten sich wie Angriffe auf den Glauben an.

Ich durfte später mal merken, dass obwohl die Diskussionen redlich und mit guten Argumenten geführt werden, sich doch viel verändert, wenn man Betroffene kennt. So wurde meine Sicht auf Schwule verändert durch das kennenlernen eines schwulen Paars. Meine Sicht auf Migranten durch die Freundschaft zu eben diesen. Und so denke ich jetzt, dass jedes soziale Problem als Grundlage das "Gehört werden" haben muss. Ich glaube aber auch, dass nach dem gehört werden zwingend auch Argumente kommen müssen. Ohne Argumente können wir keine guten Regeln und Gesetze machen. Die Geschichte von Betroffenen alleine reicht nicht. Sie müssen systematisiert und eingeordnet werden. Wenn wir dazu nicht bereit sind sprechen wir uns direkt für Anarchie aus. Also, dass wir keine Pflichten anderen gegenüber haben. Ich bin kein Fan von Anarchie, aber das ist auch eine Diskussion für einen anderen Tag.

Ich war für mein Umfeld progressiv. Doch für städtische Verhältnisse sehr konservativ. Und momentan bin ich fürs Land noch progressiver und für städtische Verhältnisse eher konservativ. Ich bewegte mich also in den letzten 10 Jahren etwas zur progressiveren Seite. Und reflektiere als solcher über die Zeit vor 10 Jahren.

Ausgangslage

Einmal nach einem Gottesdienst sprach ich mit einem älteren Herren (er wurde vor kurzem pensioniert). Wir sprachen über den erwähnten Herren in Frauenkleidern und Absatzschuhen. Ich erinnere mich nicht mehr an die Worte, doch er echauffierte sich darüber. Meine Antwort blieb mir jedoch. Ich meinte: "Wenn wir den Menschen etwas mehr Freiheit geben würden. Wenn Männer die Kleider von Frauen tragen dürfen und trotzdem 'Mann' bleiben, dann würde die ganze Genderthematik sich verflüchtigen." Und der Gedanke blieb in mir für diese 10 Jahre. Ich würde ihn heute anders formulieren, doch war es ein guter Versucht das Problem in Worte zu fassen.

Später kamen noch Gedanken hinzu wie: Schwule und Transpresonen greiffen die klassische Sicht auf die Geschlechterrollen gar nicht an. Denn sie sind noch immer in den alten Kategorien und möchten auch, dass diese erhalten bleiben. Wenn es gesellschaftlich nicht mehr klar ist, was es bedeutet 'Mann' und 'Frau' zu sein, dann kann man sich nicht mit dem 'anderen' Geschlecht identifizieren. Und es braucht auch diese Rollen, damit Homosexualität überhaupt eine relevante Kategorie ist.

Danach kam der Begriff Queer dazu. Dieser stöhrte mich als Wissenschaftler sehr. Denn sie konnten nicht definieren, was Queer ist. Und für die Rechte einer Gruppe zu kämpfen ohne zu definieren, was die Gruppe ist, hielt ich für äusserst gefährlich. Und das glaube ich noch immer. Darum sagte ich auch, dass nach dem Zuhören auch eine Systematik mit Argumenten implementiert werden muss.

Der Soziologische Aspekt

Im Podcast Soziopod blieb mir eine Aussage hängen. Nils Köbel meinte: "In der Soziologie ist bekannt, dass Identität immer Ausgehandelt wird zwischen dem Individuum und der Gesellschaft." Auch diese Formulierung blieb haften. Sie präzisierte mein Unwohlsein mit Transpersonen und queeren Personen. Denn diese glauben sich diesem Aushandeln enziehen zu können. Sie behaupten als Fakt: Meine Identität ist so und so. Aber das liegt gar nicht in ihrer Entscheidungskompetenz. Denn wenn die Gesellschaft nicht mitspielt. Die Gesellschaft nicht die selbsternannte Idenität akzeptiert, dann materialisiert sie sich nicht und es bleibt ein Gedanke im Individuum. Es wird jedoch nicht die Identität. Diese etabliert sich viel mehr in einem Spiel oder Kräftemessen. Eine Frau verhält sich nicht so weiblich, wurde in der Vergangenheit als "Manns-Weib oder burschikos" beschrieben. Ihr tat es weh und geb entweder diesem Druck nach und wurde zur weiblichen Frau oder lebte mit der Spannung. Dieses Kräftemessen ist natürlich überaus ungerecht, denn die Gesellschaft ist immer stärker als das Individuum. Und darum wird auch von Unterdrückung gesprochen und wenn ich den Frauen zuhöre, dann ist der Begriff zutreffend.

Doch aus meiner Sich ist es ein Spiel oder Kräftemessen zu dem es keine Alternative gibt. Und ich erahne wie unterdrückerisch diese Aussage klingt. Und da ich in nur sehr wenigen Bereichen in meinem Leben zu den Unterdrückten gehöre, sehe ich auch wie problematisch meine Aussage ist. Und gleichzeitig will ich mit Argumenten im Zuhören vorwärtskommen. Ich möchte hier noch ein anderes Bild zeichen dieser Unterdrückung. Und ich machte das Beispiel für 'männliche' Frauen, da das ein altes und sehr weit verbreitetes Problem ist. Doch ich glaube es trifft auf viele Bewegungen der Selbstbestimmung zu.

Dieses Hin und Her. Gesellschaftserwartung und Individualität ist nötig. Ohne den Ausdruck der Unzufriedenheit der Unterdrückten kann die Gesellschaft nicht reagieren. Ohne diesen Ausdruck der Unzufriedenheit verliert sich das Problem. Eine nicht geäusserte Unterdrückung ist Verdrängt. Und Verdrängte Probleme brauchen noch ein wenig Zeit. Sie stiften bestenfalls Chaos. Wir brauchen klare Worte der Unterdrückten. Die Gesellschaft hingegen möcht sich so wenig wie möglich Verändern. Ihr Mehrwert für das Individuum ist, die Berechenbarkeit. Wir wissen, was zu erwarten ist in fast allen Bereichen unseres Lebens. Und das ist weil die Werte und Ansichten einer Gesellschaft so stabil sind und sich nur langsam verändern. Die Gesellschaft, darf nicht jedem Schrei nach Unterdrückung im vollen Ausmass nachgeben, ansonsten würden sich die Dinge so schnell verändern, dass wieder ein Chaos entsteht. Darum muss der Leidensdruck gross genug sein und somit auch das Leiden der Unterdrückten ein gewisses Mass erreichen. Gleichzeitig muss wie gesasgt, das Leiden angesprochen werden.

So müssen sich Pride-Bewegungen Gehör verschaffen. Jedoch eine weise Pride-Person sollte auch verstehen, dass der Widerstand Teil des Systems ist und das auch gut so ist. Sie sollte gleichzeitig wütend und traurig darüber sein. Ich als Christ bin diese Ambivalenz gewohnt. Ich glaube an ein Leben ohne Leid und einen Gott der es herbeiführen kann und will und Gleichzeitig sehe ich das Leid auf dieser Welt. Diese Gleichzeitigkeit fehlt mir bei manchen Vertretern in beiden Lagern. Die Konservativen sollten sich bewusst, sein dass sich Dinge ändern und das auch gut ist. Und die Veränderer sollten sehen, dass die Demonstration nur möglich ist ein einer stabilen Gesellschaft. Und diese gibt es nur, wenn sich Werte langsam verändern.

Jedes burschikoses Mädchen, hat zur Emanzipation beigetragen. Das Bild der Frau hat sich stark verändert. Und das bereits in diesen 15 Jahren in der ich die öffentliche Debatte wahrnehme. Diese Veränderung wird nur möglich wenn viele Menschen Frauen kennen, die ein verändertes Frauenbild brauchen. Wenn man die nicht kennt und nicht sieht, wird nichts verändert.

Ich möchte diese ganze Dynamik veranschaulichen. Das eine Bild ist sehr bekannt. Es ist der Tropfen der das Wasser zum Überlaufen bringt. Jede 'männliche' Frau war ein Tropfen. Und die Gesellschaft ist der Behälter. Er versucht dieses ungemütliche Verhalten einzudämmen. Sprichwörtlich, den Behälter wieder zu leeren. Füllt er sich aber schneller als er entleert wird, wird er überlaufen.

Das andere Bild ist das der physikalischen Trägheit. Stellen dir vor die Gesellschaft ist ein SUV und die Unterdrückten einfache Personen. Sie können das Auto schieben doch es bewegt sich fast nichts. Und sie glauben es passiert gar nichts. Doch die Gesellschaft ist träge und man muss sie oft und fest anstossen, damit sie sich bewegt. Doch denkt nicht daran das Auto zu zersötren. Damit kommt niemand vorwärts.

Das erste Bild visualisiert Revolutionen. Einige gesellschaftlichen Veränderungen geschehen in einem Moment. Sie wurden jedoch über Jahre vorbereitet durch das Unwohlsein und durch das Motzen der Unterdrückten. Das zweite Bild ist der harte Abnutzungskampf, der auch Veränderung bringt. Jedoch innerhalb vom System. Ohne Revolution. Ich selbst bevorzuge das schieben eines SUVs. Denn eine Revolution kann auch immer Auswirkungen haben, die viel schlimmer sind als das Problem das man anzugehen versucht.

Darum plädiere ich für eine langsame Veränderung. Und rufe gerade die Personen in konservativen Kreisen auf, einen Unterschied zu machen. Vielleicht bist du in einer rechten Partei und kannst Gedanken einbringen wie: "Ich glaube es ist wichtig, dass wir mit diesen Menschen diskutieren." oder "Lasst uns jemand einladen um mit ihr zu diskutieren." Denn du kannst einer dieser Tropfen sein. Du kannst die Stimme der 'Anderen' sein. Mache dich stark für Links wenn du zu den Rechten gehörst und umgekehrt. Das andere kann jeder und schafft nur Isolation und Entzweiung. Wenn du nicht bereit bist Anti-Gender Personen in deine linke Gruppen einzuladen oder sich eine Queere Person in der Kriche nicht willkommen fühlt, dann schaffst du eine toxische und demokratiefeindliche Umgebung. Wenn du das aber mit Zwang durchsetzen willst schaffst du eine ebenso demokratiefeindliche Umgebung.

Leider ist Zwang nicht die Lösung gegen Ungerechtigkeit. Sondern die Menschen müssen sich verändern und dann automatisch die Gesellschaft. Anders rum funktioniert es nicht.

Gender

Qualitätsmerkmale eine funktionierenden Gesellschaft. - Unmut wird öffentlich Geäussert. - Es gibt Widerstand gegen diesen Unmut. - Personen die (aus deiner Sicht) falsch liegen, sprechen häuffig öffentlich. - Resignation ist nicht dein treibendes Lebensgefühl.

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