Wärmer als die Sonne

Ein Feuer brennt.

Sie streckt ihre Arme aus.
Hält die Hände ans Feuer.
Die Wärme piekst in die Handflächen.
Die Rückseite bleibt kalt.
Sie dreht sich und wärmt den Rücken.
Das Gesicht fühlt sich sofort kalt an.
Sie dreht sich im Minutentakt.
Minute für Minute.
Ist das Feuer warm genug, wird der Derwisch zu einem Phönix.
Wärmer, höher.
Er legt die Kleider ab und tanzt zum Himmel.
Heute ist das Feuer klein. Sie dreht sich aus.
Wie ein kleiner Stein im Fluss der Zeit.
Gemahlen und zermürbt, am Boden gekauert.
Das Holz zu fern.
Das Feuer geht aus.
Sie wird zu einem Engerling.
Gekrümmt unter der Last des Universums.
Still und bang.
Sie wartet auf das Ende.
Bis sie eingeht in die ewige Kälte.

Sie erinnert sich an die Hoffnung.
Ihre Grossmutter erzählte von der Wärme.
Mit ernstlich verspielter Stimme erzählte sie die Geschichte der alten Magie:

Kind, es gibt die Sonne die wärmt.
Sie ist nicht gerecht.
Die Reichen bescheint sie mehr und uns Arme verlässt sie all zu oft.
Wir frieren und sehnen uns darum nach Reichtum.
Ein Leben in den warmen Ebenen.
Doch wir Armen haben einen Schatz in uns den die Reichen nicht haben.
Die Wärme ist in uns.
Die Reichen sind gebräunt von der Sonne doch kalt ist ihr Herz.
Auch viele unserer Herzen in den Tälern sind kalt.
Doch einige von uns haben die Wärme in uns.
Kaum ein Mädchen darf ihre Grossmutter kennenlernen.
Wir sind zu alt, zu schwach um uns zu versorgen.
Wir alten werden oft zu den Bächen geschickt um dort der Kälte Mutter in den Schoss zu gehen.
Mir wurde das immer wieder gesagt:
Alte geh weg.
Siehst du nicht, dass du zu viel Wärme brauchst?
Siehst du nicht, dass du eine Last bist?
Sie sprachen und sprechen so zu mir.
Doch sie sehen nicht woher meine Wärme kommt.
Kind, willst du das Geheimnis wissen?
Willst du hören von der wahren Quelle?
Willst du erfahren wo es Wärme gibt ohne Feuer?

Das Kind nickte mit grossen Augen und schaute in das verbrauchte Gesicht der Alten.

Die Wärme kommt von dir.

Sie drückt mit ihren ungepflegten Fingernägeln sanft auf die Brust des Mädchens.

Was die Reichen nicht haben, ist ein Herz der Wärme.
Du hast die Wärme.
Du musst nichts mehr tun und du wirst warm haben.
Es braucht Glaube, doch der Glaube allein reicht nicht.
Es braucht Gnade, doch Gnade allein reicht nicht.
Der Wärmer lebt in dir.
Er hat alles vollbracht.
Einmal wird er wiederkommen und dann wird allen ein neues Herz gegeben.
Ein Herz das alle wärmt und die Sonne wird vergehen.
Du. Du hast jetzt schon dieses Herz.

Sie lächelte das Mädchen an.
Drehte sich unter Ächzen um und ging wieder zum Feuer.

Das Mädchen kommt zurück in die Gegenwart.
Zurück in den Körper einer Frau.
Noch immer ist alles kalt.
Noch immer liegt sie am Boden.
Doch in ihr breitet sich eine Wärme aus.
Eine Gänsehaut schauert über ihre Arme und sie sieht am Himmel, dass die Sonne aufgeht.
Sie sieht, dass dies nicht die letzte Nacht war.

Sinnlos

Die letzten Monate waren schwer.
Da war die Erinnerung an einen Mann.
Er nahm sie nahe.
In seinen Arm und wärmte Sie.
Ihre Herzen wärmten sich.
Sie berührten sich.
Er drang ein und sie nahm auf.
Er verschwand und sie blieb.
In ihr wuchs das grösste Problem ihres Lebens.
So machte sie sich auf.
Auf in die Stadt ihrer Grossmutter.
Sie folgte der alten Tradition.
Frauen gebären mit ihrer Mutter.
Doch sie kennt ihre Mutter nicht und erinnert sich nur an die Grossmutter.
So geht sie zur Stadt ihrer Vorfahren.
So hofft sie auf ihre Grossmutter,
dass sie noch lebt,
dass sie ihr gebären hilft.

Und so wanderte sie im düsteren Tal.
Die Sonne scheint dort nur kurz.
Die Zeit reicht knapp, sich auf die nächste Nacht vorzubereiten.
Holz zu sammeln.
Doch bist du auf Reisen, brauchst du eine Unterkunft.
Letzte Nacht reichte die Zeit dafür nicht und beinahe wäre sie in den Schoss der Kälte eingegangen.
Diese Nacht muss sie es schaffen.
Die Stadt ist nicht weit entfernt.
Seit Tagen sieht sie sie.
Doch sie kommt nur wenige Kilometer vorwärts jeden Tag.
Sie sieht die Stadt, doch weiss gewiss, dass sie noch zu fern ist.
Doch sie hofft und ihr Herz ist noch immer Warm.

Sie baut in der Kunst der Hirten eine Hütte.
Der erste Schritt ist, Ausschau zu halten nach einer natürlichen Grube.
Der nächste ist, das Material der Umgebung zu nutzen.
Das meiste Holz ist schon verbrannt und es bleiben meist Steine und Dreckklumpen, die zu einem Schutz getürmt werden.
Mit Moos wird ausgekleidet.
Der Erfolg des Ganzen ist abhängig von der Geometrie der Bergkette.
Sie sagt, wie viele Stunden Tageslicht da sind.
Der Erfolg ist abhängig von der Reichhaltigkeit der Umgebung.
Der Erfolg ist abhängig von der Fähigkeit und dem Glück, zu finden.

Doch dieser Tag war besser.
So fand sie zwar nicht viel Holz,
Aber genug zu essen und eine natürliche Höhle, geschützt vor Wind.
So wird sie fast sicher den nächsten Tag erleben.

Die Sonne ging schon langsam unter.
So bleibt den Armen viel Zeit für sich.
Gedanken, Gebete, Lieder und Verzweifeln.
Wird die Verzweiflung zu gross, ist die Kälte nicht fern.
Sie lädt ein.

Komm zu mir.
Du musst nicht mehr.
Alles ist vorbei.
Meine Arme werden dich ruhig in den Schlaf begleiten.

Doch alle, die dem Zweifel glauben, sind vergangen.
Friedlich und Ewiglich.
Doch sie lebt.
Sie ist noch warm.
Ihr Herz schlägt.
So singt sie:

Sie singt leise.
Leise.
Die Lippen bewegen sich kaum.
Die Melodie im Kopf und etwas im Atem.
Doch die Wärme der Lieder dringt tief ins Herz.
So singt sie wieder und wieder das Buch der Lieder.
So singt sie und wärmt das Herz ihres Kindes.

Am Horizont die Hoffnung.
Eine Stadt, in der sich Menschen wärmen.
Keine geruchlose Kälte.
Nur stinkende Wärme.
Der Gestank des Lebens.
Wie sehr sehnt sie sich nach dem Schweiss der anderen.
Nach dem warmen Kot.
Er wärmt zu Beginn.
Und wird er verbrannt, wärmt er erneut.

Sie ist es leid, nichts zu riechen.
Die Kälte raubt die Sinne.
Die Finger spüren nichts mehr.
Die Nase riecht nichts mehr.
Alleine hört man nichts.
Alles ist grau.
Kein Leben. Keine Geräusche ausser dem Wind.
Keine Berührung, keine Verletzung, keine Narbe, kein Eindringen, kein Leben.

Tod und Jauche

Angekommen in der Stadt.
Die Stadt der Verheissung.
Grossmutter erzählte, dass der Wärmebringer aus dieser Stadt kommen wird.
Doch die Geschichte ist alt und die Hoffnung schwach.
Das Buch der Lieder singt von ihm.
Sie singen von einem König.
Von einem Hirten.
Von einem Aufrichter.
Sie singen, dass er geschlagen wird.
Dass er siegen wird.
Dass er sterben wird.
Dass sein Reich ewig bleibt.

Der grosse Gestank der Stadt belebte ihre Sinne.
Sie sucht eine Bleibe.
Wo ist Grossmutter?
Sie fragt nach alten Frauen.
Sie beschreibt sie, so gut sie sich erinnert, doch ausser "alte Frau" kommt bei den Hörenden nichts an.
Doch die Stadt ist schnell durchsucht.
Alte Menschen gibt es wenige.
Es gibt ein Altenheim.
Ein Hospiz.
Dort dürfen alte Menschen in Würde sterben.
Dort sind Kräuterkundige.
Die Alten werden zur Kältemutter geführt.
Mit Pilzen beruhigt in die Kälte gelegt,
umarmt sie die Mutter und nimmt sie zu sich.

So geht sie zum Platz der Ruhe.
Sucht nach der Grossmutter.
Alle Alten,
manche gar schon 50 Jahre alt,
liegen friedlich gebettet.
So bleiben sie und verwesen nicht.
In der Stadt ist Verwesung und Gestank.
Hier draussen ist das Ewige nichts.

Sie geht durch die Reihen gebetteter Alten.
Schon viele entfrorene sah sie.
Sie schaute in die Gesichter.
Meist friedlich, doch nicht immer.
Sie muss sich eingestehen, dass sie nicht weiss, wie ihre Grossmutter aussieht.
So geht sie zurück in die Stadt.

Vielleicht lebt sie noch?

Sie geht in die Stadt.
Draussen in der Natur gab es Essen, aber kein Feuer.
Hier gibt es Feuer, dafür kaum Essen.
So braucht sie Geld.
Sie bietet ihre Dienste an.
So manches Kleid flickt sie.
So manchen Mann kleidet sie.
Genug zum Essen.
Nicht genug für ein Bett.
So schläft sie auf der Strasse.
Doch eine Frau alleine auf der Strasse?
Genau so ist ihr Kind entstanden.
Sie ist jung und verletzt.
Doch gezeichnet und gestählt.
So weiss sie sich zu verstecken und hält die Zeit aus.

Der Tag rückt näher,
doch Geld für eine Unterkunft hat sie nicht.
Sie fragt, doch wo sollen die Hausbesitzer sie unterbringen?
Sie findet keinen Platz.
Und die, die sie findet, sind nicht sicher.
Immer langsamer.
Der Bauch drückt. Wird hart.
Das Atmen fällt schweer.
Der Bauch presst und sie atmet.
Sie kennt Schmerz.
Da ist nichts, das sie fürchtet.
Sie stiehlt sich in eine Jauchegrube.
Dort ist es warm und sie ist sicher.

Die grosse Dehnung

Ihre Geburt wird alleine sein.
Aber warm.
Das Kind wird nicht alleine sein.
Und warm.

Die Schreie aus der Jauchegrube verlieren sich in dem allgemeinen Lärm.
Es schreien viele.
Sie ist nichts besonderes.
Fällt nicht auf.

Sie ist erschöpft.
Die Gedanken kreisen:

Wo ist der Mann?
Wo ist Grossmutter?
Warum bin ich allein?
Ich schaffe das nicht.
Das Kind wird sterben.
Ich werde sterben.
Ich hoffe, das Kind stirbt auch, wenn ich sterbe.

Ich will das nicht.
Ich kann das nicht.

Sie schläft ein.
Sie wacht auf: Schmerz

Alles schliesst sich.
Alles verengt sich.
Das Kind dehnt sich.
Der Kampf beginnt.
Das Kind gewinnt.

Ich kann nichts.
Ich bin nichts.
Die Wärme ist da.

Eine warme Geburt.
Was will man mehr.

Die Wärme ist in meinem Herzen.
Ich bin nicht kalt.
Das Kind darf kommen.
Das Kind darf mich töten.
Ich gebe mich hin und vertraue dir: Vater des Lichts.

Ein Kind ist geboren.
Eine Frau ist geworden.

Wärmer als Jauche

Draussen sind Hirten.
Sie können dort bleiben.
Ihr Kleinvieh frisst Moos.
Ihr Kleinvieh gibt warm.
So wird der Dung gesammelt, getrocknet, verkauft.

Bei den Hirten ist Wärme.
Bei den Hirten ist Ruhe.
Sie sind die Bringer der Lehre.
Sie erzählen Geschichten, denn sie sehen viel.
Sie reisen von Stadt zu Stadt, da die Tiere sie wärmen.

So träumten sie in einer Nacht.
Der Lichtvater, umringt von Feuerdienern.
Sie sangen das Lied aus dem Buch der Lieder.

Ein Kind ist euch geboren.
Es ist in Jauche geschmiert in Lappen gewickelt.
Das Kind des Lichts.
Das Kind der Wärme.

Die Hirten erwachten und sprachen ungehemmt.
Sie waren verwundert über den Traum.
Sie spürten die Wärme im Herzen.
Sie wollten das Jauchekind sehen.
So gingen sie zurück in die Stadt.

Das Moos war schon abgegrast.
Doch ein, zwei Tiere dürfen verenden für diese Hoffnung.
Ihre Herzen blieben warm.
Sie drangen in die Stadt und fanden das Kind.
In Jauch und Lappen.
Sie knieten nieder.

Die Frau behielt alles tief in ihrem Herzen.
Sie freute sich.
Sie wärmte sich an der Freude der Hirten und begann zu hoffen.
Zu hoffen, dass das Kind leben wird.

Leichtes Gedärm

Auf der Ebene scheint die Sonne.
Auf der Ebene ist es warm.
Reiche werden sie genannt.
Doch "Warme" wäre richtig.
Die Ebene ist voll.
Regiert von eiserner Hand.
So dürfen nicht noch mehr Personen auf der Ebene leben.
Wer nicht genug hat, muss in die Kälte.
Bekommt ein Reicher viele Kinder, so müssen ebenso viele Warme in die Kälte.
Die eiserne Hand lastet schweer.
Die eiserne Hand duldet keine zweite Hand.
Die Almend ist nur so gesund, wie die eiserne Hand stark ist.

Da kam eine Gelehrte in der Weise der Eingeweide.
Sie weiss die Zukunft zu deuten in den Eingeweiden der Tiere.
Eine alte Kunst.
Ein alter Zauber.
Ohne Lichtvater oder Kältemutter.
So geht sie von Leiche zu Leiche.
Schändet und schändet.
Fragt sich und sieht.
Eine federne Hand ist geboren.
Ein guter Hirte, der uns weidet auf der Ebene.
Er bringt den Kalten Wärme und den Warmen die Kälte.

Ein weiterer Hund aufgeschlitzt.
Es ist klar.

So geht sie zur eisernen Faust.
Sie fragt:

Wo ist die federne Hand?

Er sagt:

Ich bin die eiserne Faust.
Ich weiss von keiner federnen Hand.
Besuche sie und komm zurück.
Ich will ihr huldigen.

So ging sie und fand das Kind.
Sie beschenkte es mit königlichem Gut.
Sie ging zurück, nicht durch die Ebene:
Denn ein Bote des Lichts verbot es ihr.

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