Theodizee

Wie kann menschliches Leid mit der Güte Gottes zusammengedacht wird.

Einleitung

Gleich zu Beginn. Ich schreibe diesen Text, da ich die öffentliche Haltung moderner Bibelwissenschaftler als eine feige Antwort auf diese fundamentale Frage empfinde.  

Ich hörte Stunden über Stunden Worthausvorträge. Beschäftigte mich mit unterschiedlichen Theologen, natürlich nur als Laie, aber dennoch investierte ich viel Zeit im zuhören, im Denken und im Gebet und mir fehlte, die offensichtliche Antwort auf die Theodizee und es drängte mich das hier zu schreiben. Natürlich bin ich mir bewusst, wahrscheinlich schreibe ich das zu aller erst um meine Gedanken zu sortieren und nicht andere zu überzeugen.   Ein kurzer Abriss der Theodizee-Behandlung. Es sei hier eine Warnung angebracht. Ich werde die Positionen sehr kurz und prägnant nennen. Vertretende der Position könnten Stunden über das Thema sprechen, sie erläutern und erklären (und das haben sie auch). Doch aus meiner Erfahrung machen das alle nur, um nicht so angreifbar zu sein und dennoch die Position beizubehalten. Ich verlange Courage, die Position zu vertreten und auch die kurze Version zu akzeptieren. Und keine Angst, ich werde auch meine momentane Haltung zur Theodizee sagen und dazu stehen. Ihr dürft die Zwei-Sätze-Version auch gerne nehmen und sagen: «Der glaubt das.»

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir unsere Lesenden und Zuhörenden als mündig betrachten und sie selbst nachdenken lassen. Sie sollen selbst lernen, diese unangenehmen Gedanken auszuhalten und zu verdauen. Können sie das nicht, dann werden sie sich an ihren sicheren Hafen, an den sie schon immer geglaubt haben, wenden. Das ist okay und oft die richtige Entscheidung. Doch für all die, die das aushalten können, möchte ich euch hier herausfordern.

Das Problem

Die Frage der Theodizee kann philosophisch und logisch sehr kompakt beschrieben werden.

Sie geht von zwei Annahmen aus: 1. Gott ist allmächtig, allwissend und gut. 2. Das Leid (Krebserkrankungen, Kindervergewaltigungen usw.) gefällt Gott nicht.

Daraus kann man ein paar Dinge folgern: 1. Da Gott alles kann, kann er auch das Leid verhindern. 2. Da Gott gut ist, möchte er das auch. 3. Wenn Gott etwas will, dann macht er es auch.

Daraus wiederum ergibt sich das Problem: Daher müsste Gott das Leid verhindern. Tut er aber nicht.    

Ich hoffe es ist nicht das erste mal, dass du dieses Problem so prägnant formuliert bekommen hast. Denn es ist wichtig die grossen Fragen und Probleme unserer Welt zu verstehen.  

Die Antworten

Folgende populäre Antworten existieren: Ich werde sie hier kurz beschreiben und das Problem dieser Antwort aufzeigen.  

Freier Wille

Variation 1:

Gott gibt uns den freien Willen und beschränkt sich selbst damit. Er möchte diesen nicht einschränken. Menschen mit freiem Willen verursachen dieses Leid.   Problem 1: Da Gott allmächtig ist, hätte er eine Welt schaffen können, in der freier Wille existiert, jedoch nur zum Selbstschaden und nicht zum Fremdschaden. Diese wäre «besser» im Sinne von, sie hätte weniger Leid. Gott hätte als guter Gott diese Welt bevorzugt und daher auch gemacht.   Problem 2: Krebs, Pest und Tsunamis wurden nicht durch freien Willen verursacht. Dieses Leid wird nicht erklärt durch den freien Willen.  

Variation 2: Gefallene Schöpfung

Gott schuf uns perfekt doch wir wichen von seinem Plan ab und daher wurde jetzt alles schlecht.   Problem 1: Das ist einfach nur eine Spielart des «freien Willen»-Arguments. Daher gelten die Gegenargumente für den «freien Willen» auch hier.   Problem 2: Gott hätte uns tief in unsere Empfindung und Gedanken die Gewissheit geben können, dass wir uns an seine Gebote halten sollen. Er hätte uns freien Willen geben können und das Wissen, dass wir nicht sündigen sollen. Das tat er aber nicht und ist darum nicht gut. (Wissen ist etwas anderes als es den Menschen zu sagen. Du kannst deinem Kind sagen, der Herd ist heiss, doch es wird trotzdem einmal im Leben ihn anfassen. Doch nach dem Anfassen weiss das Kind zutiefst, dass der Herd heiss sein kann. Dieses «zutiefst wissen» hätte uns Gott einfach geben können. Tat er aber nicht und ist daher nicht gut.)  

Variation 3:

Gott begeht sich mit uns auf ein Abenteuer in diese Welt und Leidet mit uns mit. Er ist offen dafür, dass es nicht so läuft wie er will.

Das ist der sogenannte offene Theismus. Also ein Glaube an Gott, der sagt: Gott weiss nicht, wie sich Menschen entscheiden. Er trägt sie jedoch durch. Ich sehe keinerlei Unterschied zu Variation 1 und darum gelten diese Gegenargumente auch hier.

Der offene Theismus wurde auch mehr als pastorale Antwort denn als dogmatische verstanden. Sie soll also die Gemeindemitglieder zufriedenstellen oder beruhigen und nicht unbedingt in erster Linie logisch konsistent sein.  

Gott ist ein Geheimnis

Gottes Wege sind grösser und unergründlich.   Diese Position hat sich an vielen Orten durchgesetzt und existiert in vielen Variationen.  

Variation 1:

Du kannst es nicht verstehen. (Du als Mensch bist zu beschränkt dafür.)

Problem 1: Woher kann ein beschränkter Mensch das wissen? Wenn ich die Wege Gottes nicht erkennen kann, wie kann ich denn erkennen, dass ich sie nicht erkennen kann?   Dieses Argument ist unredlich, da es sich den Argumenten verweigert. Wir haben Argumente, die etwas behaupten, und diese Antwort weigert sich, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das Problem ist einfach formuliert. Sie hat die erwähnten 3 Annahmen und 3 Folgerungen. Wo ging die Argumentation schief? Was ist falsch? Diese Antwort ist eine Pseudoantwort. Denn entweder stimmt eine der Annahmen oder eine der Folgerungen nicht. Und wenn alles korrekt ist, dann habe ich gezeigt, dass eine der 3 Annahmen falsch sein muss.  

Variation 2:

Das Problem ist real und wichtig und wir können es nicht auflösen. Gleichzeitig halten wir voller Vertrauen an Gott fest.

Vielleicht ist das die beste Antwort. Vielleicht ist meine dieser verwandt. Aber ich halte die Formulierung für feige. Es ist, wie oben erwähnt, die Antwort vieler Theologen.   Problem 1: Wenn das Problem real ist, dann folgt daraus, dass eine der Annahmen falsch ist. Wenn eine der Annahmen falsch ist, warum halten wir voller Vertrauen an Gott fest? - Ist er nicht allmächtig? Dann ist er nicht Gott. Er ist anscheinend weniger stark als der Vergewaltiger. Warum soll ich einen Gott anbeten, der weniger stark ist als ein Vergewaltiger? - Ist er nicht allwissend? Warum soll ich ihm bei meiner Lebensführung vertrauen, wenn er auch nicht weiss, ob es gut kommt? - Ist er nicht gut? Warum soll ich ihm vertrauen, wenn seine Pläne für unser Leben nicht gut sind?

Problem 2: Es zeugt von Feigheit. Diese Antwort windet sich mit «empathischen» Sätzen darum, eine klare Position zu haben. Sie weigert sich, die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen. Sie weigern sich anzuerkennen, dass Gott nicht alle drei Dinge ist. Ich habe noch nie von diesen Theologen gehört: «Ja, eine der drei Annahmen ist falsch.» Sie winden sich immer mit schönen Floskeln um diese unangenehme Wahrheit.

Problem des Himmels

Wer glaubt, dass Gott einen Himmel schafft, in dem alles Leid weg ist. Der glaubt gleichzeitig: - Gott hat eine Welt geschaffen mit Leid (unsere Welt) - Gott kann eine Welt schaffen ohne Leid (den Himmel) - Gott wollte also diese Welt nicht so gut machen wie den Himmel.

Auf dieses Argument gibt es auch Gegenargumente:

Antwort 1: Mit dem neuen Körper und Geist können wir nicht mehr sündigen.

Problem: Warum hat er uns nicht jetzt schon diesen neuen Körper und Geist gegeben?   Antwort 2: In der Gegenwart Gottes können wir nicht mehr sündigen. (Wir kommen gar nicht auf die Idee. Wir könnten, wollen aber nicht.)

Problem: Warum schenkt uns Gott nicht hier diese Gegenwart? (Siehe Problem 2 bei Gefallene Schöpfung)    

Meine Position:

Eine der drei Annahmen ist falsch. Gott ist also entweder nicht allwissend, nicht allmächtig oder nicht gut.  

Meine jetzige Haltung:

Ich tendiere dazu, zu denken, dass Gott nicht gut ist. Ich glaube, unsere New-Age / Natur-Hippies und Pilz-Trip-Gänger haben den Charakter Gottes besser erkannt, als wir Christen.   Sie sagen: «Die Natur/Universum ist Gott. Sie ist wunderschön, und wenn wir sie tief erkennen, spüren wir auch, wie durchgehend gut sie ist.» Vor allem auf Drogen oder in einer sonstigen Trance sind wir Gott sehr nahe, und dort ist alles gut (im Optimalfall). Gleichzeitig ist die Natur übel und lässt ihre Kreaturen an allem Möglichen verrecken. Auch bringt Trance (primär bei verdrängten Traumas) die schlimmsten nur erdenklichen Gefühle hoch. Diese Ambivalenz sind sich diese Personen bewusst und haben dennoch eine Liebe für diese Welt, die wir oft nicht haben.   Ich glaube, Gott ist genauso. Da gibt es keinen Gegenspieler von Gott, der alles schlechtmacht. Das ist alles Gott. Krebs ist Gott, Liebe ist Gott. Vergewaltigung ist eine Facette von Gott. Ich glaube und hoffe aber auch, dass in diesen Abgründen des Lebens Gott eine aufrichtende Kraft behält. Menschen gestärkt werden können in der Gefangenschaft.   Diese meine Haltung ist philosophisch redlich: Sie wagt den Rückschluss auf die Eigenschaften von Gott. Sie ist nicht weltfremd, da sie das Leid anerkennt. Sie bleibt christlich. Ich verabschiede mich nur von einem untragbaren und unmenschlichen Gottesbild.   Wer sagt, diesen Gott kann sie oder er nicht anbeten, dann verstehe ich das. Es ist einer der grossen Gründe, warum Menschen Atheisten werden. Gleichzeitig glaube ich, auch hier können wir vieles von unseren Pilzsammlern lernen. Sie sehen, wie brutal die Welt ist, und trotzdem: Nach einer tiefen Begegnung mit Gott lassen Sie ihn nicht mehr los. Die Faszination «Gott» ist gross, auch wenn er nicht gut ist. Diese Faszination und Anziehung, die Gott hat, bringt mich in die Anbetung, nicht die abstrakten Eigenschaften.

Konsequenz

Ich glaube, dieses Gottesbild ist zutiefst biblisch. Hiob, Noah (und viele mehr) zeigen die Ambivalenz Gottes. Und gerade mit diesem Gottesbild ist die Erkenntnis von Jesus unglaublich: Jesus wusste um die jüdische Geschichte. Und trotzdem ist eine seiner Errungenschaften, die bis heute gelehrt werden, Gott als Papa anzusprechen. Gott ist nicht nur ein Vater, sondern ein Papa. Diese innige Beziehung zu so einem Gott. Ein Gott, der Angst machen kann. Wie viel Vertrauen braucht es? Wie viel Selbstaufgabe, um diesem Gott «Papa» zu sagen? Und das Wunder ist dann: Diese positive Haltung wird von Gott gerechtfertigt. Gott bezeugt, dass Jesus recht gesprochen hat, und erhöht ihn.

Jesus zeigte uns so den Weg (die Wahrheit und das Leben): Wer Gott so vertraut, wird Gott sehen. Ihm wird alles möglich werden. Er wird eben nicht zerbrechen an der Last dieser Welt. Diese Hoffnung ist für mich tragfähig.

GitHub