Weisheit ist Philosophie, die funktioniert
Die Bedeutung von Philosophie ist (philia) die Liebe zur (sophia) Weisheit. Aber sie hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Heute beschäftigt sich Philosophie mit den grundlegenden Ideen und Konzepten unserer Welt. Was sind die Axiome unseres Universums – und was bedeutet es, dass es solche Axiome gibt? Was ist Gott – und wenn ja: wie viele?
Aber Weisheit hat einen anderen Charakter. Weisheit ist angewandt. Sie interessiert sich dafür, wie man das Leben klug navigiert. Sie ist nicht primär an „Grundwahrheiten“ interessiert. Sie behauptet: Die Suche nach Wahrheit ist oft wie dem Wind hinterherzurennen.
Die alten griechischen Schulen waren in diesem Sinne oft echte Philosophien. Darum ist Stoizismus heute kaum ein Thema in der akademischen Philosophie, aber sehr wohl im Coaching. Der Umgang mit Gefühlen und Dingen ausserhalb unserer Kontrolle ist für eine weise Person von höchstem Interesse – für den modernen Philosophen aber „unrein“, weil es Ideen mit Gefühlen mischt.
Unsere heutige Welt ist leider unterernährt an Weisheit. Es gibt kaum Influencer, die für Weisheit bekannt sind. Bekannt sind dagegen Wissenschaftler, Motivationsredner und Idole.
Wissenschaftler verbreiten Fakten. Gelegentlich tauchen sie ihre Zehen ins Wasser der Weisheit, fühlen sich aber ihrem Handwerk verpflichtet und geben darum meist nur Tipps, die durch Studien gestützt sind.
Motivationsredner lehnen sich an Weisheit an, aber sie haben eine unverwechselbare Tendenz zum Handeln. Sie wollen Menschen dazu bringen, Dinge zu tun. Das ist ein Teil von Weisheit – aber in bestimmten Lebensphasen auch unpassend. Weisheit muss ebenfalls lehren, wie man mit Grenzen umgeht: wo man sie bricht und wo man sie akzeptiert, weil Grenzen sogar gut sein können. Solche Nuancen passen selten in den Kopf eines Motivationsredners.
Idole sind Menschen, die besonders schön sind oder besonders viel erreicht haben. Eine weise Person kann sie studieren und nutzen. Sie sind wie der Polarstern: Sie zeigen eine Richtung. Ein Idol zeigt ein Extrem einer bestimmten Eigenschaft. Eine weise Person kann das Idol genau dafür studieren.
So trägt ein Idol Weisheit in sich – aber nur so, wie der Himmel ein schönes Bild „trägt“. Es braucht Kunst, daraus ein Meisterwerk zu machen. Idole selbst sind nicht die Träger von Weisheit, sondern Objekte, die man – je nach Urteil – studieren oder nachahmen kann.