Toleranz für Torheit
Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich, wie viel Dummheit sie tolerieren kann.
Das ist eine andere Seite von Toleranz – und ein Gegenpunkt zu den Botschaften der Vernunft. Übliche Toleranz vermittelt oft: Alle Lebensentwürfe und Werte seien gleichermassen gerechtfertigt. Das mag häufig stimmen, aber ich sehe den Wert vieler Lebensentwürfe nicht. Ich halte manche für unmenschlich, kurzsichtig, naiv und töricht.
Aber was folgt daraus? Muss ich diese Haltungen bekämpfen? Vielleicht im persönlichen Gespräch, individuell. Doch ein Blick auf die COVID-Krise und auf andere Länder hat gezeigt: Je mehr „Torheit“ toleriert wird, desto besser geht es den Menschen. Das ist – paradoxerweise – die Botschaft der Freiheit.
Und was ist mit der Wahrheit? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir als Menschen können unsere eigene Unwissenheit schlecht einschätzen. Ein Blick auf die COVID-Krise macht das erneut klar.
Wissenschaft gepaart mit Politik führt nicht automatisch zu Weisheit, sondern kann in eine intolerante, absolutistische, unwissenschaftliche Doktrin kippen. Denn Massnahmen wirken oft nur, wenn alle mitmachen. Widerstand wird dann als feindlich betrachtet. Also dürfen Massnahmen nicht mehr hinterfragt werden. Das umgeht Wissenschaftlichkeit und Demokratie.
Das ist nicht als Kritik an der Bewältigung der COVID-Krise gemeint. Es ist nur ein Hinweis auf die Konsequenzen des Glaubens, man kenne „die Wahrheit“. Dieses Pseudowissen blockiert den Weg zu weiterem Wissen.
Darum müssen wir üben, tolerant zu sein gegenüber Menschen, die uns töricht erscheinen. Bist du religiös? Je mehr Religionen und Nichtgläubige du tolerieren kannst, desto besser. Bist du Atheist? Je mehr Religiosität du ertragen kannst, desto besser. Bist du links? Je mehr rechte Ideen du tolerieren kannst, desto besser (und umgekehrt). Bist du Kommunist? Je mehr Kapitalismus du tolerierst, desto besser.
Neben dieser Erklärung – wie „Wissen von oben“ sich selbst zerstören kann – gibt es ein weiteres Argument für Toleranz gegenüber Torheit: Anpassungsfähigkeit.
Je mehr unterschiedliche Menschen wir zulassen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir in einer zukünftigen Krise auch die „rettenden Held:innen“ bei uns haben. Wenn wir nur Gleichgesinnte dulden, sind wir nicht flexibel genug, um auf Neues zu reagieren.