Gut ⟺ Wahrheit
Der menschliche Geist ist ein faszinierender Gegenstand. Er beschäftigt die Menschheit, seit wir schreiben können – und vermutlich schon viel länger. Immer wieder heisst es, Menschen seien besonders intelligent (oder moralisch oder kreativ) und deshalb grundsätzlich anders als Tiere. Die gleiche Rhetorik wird jetzt auf künstliche Intelligenz angewendet: Menschen seien wirklich intelligent, Maschinen würden nur „imitieren“. Was auch immer das bedeuten soll. Ich bin mir sicher, dass solche Behauptungen über künstliche Intelligenz genauso schlecht altern werden wie jene, die uns einst von Tieren abgrenzen wollten.
Wir unterscheiden uns von Tieren, und wir unterscheiden uns von Maschinen. Aber Ameisen – oder irgendetwas anderes – unterscheiden sich auf ihre Weise genauso. Natürlich ist die Diskussion darüber, was uns unterscheidet, enorm wichtig, denn nur durch sie können wir am Ende zu dem Schluss kommen, dass wir gar nicht so anders sind.
Ich finde das moderne Argument besonders mühsam, dass KIs „Fehler“ machen und das zeigen soll, dass sie ein Thema nicht „verstehen“. Aber wir Menschen machen auch Fehler, selbst wenn wir etwas verstehen. Wir haben Mechanismen entwickelt, um mit diesen Fehlern umzugehen:
- Es gibt Hierarchien, die Widersprüche beseitigen (wer mehr Macht hat, hat recht). Das ist ein sehr robuster Mechanismus.
- Ein modernerer Ansatz ist: Wer die anderen überzeugt, hat recht (Rhetorik, Argumente, Bestechung usw.). Das ist bereits ein Fortschritt, wenn auch nicht ganz zuverlässig.
- Moderne Wissenschaftler leben sogar in der Illusion, Wahrheit sei das entscheidende Kriterium. Aber natürlich ist das Wunschdenken: sozialer Ruf, überzeugende Formulierungen oder geschicktes Verdecken von Fehlern sind bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen oft wichtiger als Wahrheit.
Aber nehmen wir an, es gäbe eine solche Auswahl nach dem Kriterium „Wahrheit“. Glauben KI-Kritiker wirklich, dass KIs von so einem Selektionsprozess nicht profitieren können? Ich glaube, viele verlangen von KIs Vollkommenheit. Dabei brauchen wir im Kern nur ein Protokoll zur Fehlerkorrektur – vielleicht inspiriert von der menschlichen Welt.
Das ist nichts Neues. In Software ist der Qualitätsmassstab das Fehlen von Bugs. Und heutige KIs können bereits Tests schreiben und Fehler beheben. In der Mathematik gibt es Beweisverifikation, und KIs können das einfach nutzen. In unschärferen Themen könnte der Prozess dialogischer sein: Mehrere KIs könnten diskutieren und zu einem Konsens kommen.
All das ist nur ein Vorspiel zu einem anderen Gedanken. KIs wird vorgeworfen, Dinge nicht wirklich zu „verstehen“ und nur Buchstaben zu produzieren. Aber was bedeutet „Verstehen“ überhaupt? Was passiert in mir, wenn ich etwas verstehe? Ich habe gewisse kausale Intuitionen darüber, was passieren muss oder nicht – aber diese Intuitionen sind fehlerhaft, selbst in Bereichen, in denen ich Experte bin.
Meine These ist:
Auf der Suche nach Wahrheit gibt es nichts als Heuristiken.
Denn das eigentliche Selektionskriterium im Universum ist Existenz, nicht Wahrheit. Wir brauchen Intuitionen oder Mechanismen, die Gedanken hervorbringen, die uns beim Überleben helfen. Wahrheit ist nur insofern wichtig, als sie uns beim überleben hilft.
Aber vergessen wir nicht: Wir besitzen Wahrheit auch nicht. Wir etablieren sie durch Prozesse oder Protokolle – vielleicht ein SMT-Löser, ein Gericht oder was auch immer. Kein Individuum hat „die Wahrheit“. Es ist immer ein externer Prozess.
Es scheint, dass für die Evolution – oder für Gott – Wahrheit sekundär ist. Diese Analyse geht tiefer: Wir haben keine Wahrheit, und wir sollten diese Tatsache akzeptieren. Wir sollten erkennen, dass das etwas Gutes ist. Manchmal sind wahre Dinge nicht die, die uns helfen. Ich glaube sogar, es kann gut sein, Dinge zu glauben, die falsch sind. Falsch, aber gut – gut im Sinne von hilfreich.
Falsche, aber nützliche Dinge umfassen Bereiche wie „Glaube“ und „Hoffnung“. Glaube ist die Überzeugung an etwas Ungesehenes (etwas, das nicht messbar ist). Hoffnung ist dasselbe, in die Zukunft projiziert. Glaube und Hoffnung sind zutiefst religiöse Konzepte – und vielleicht eine der grossen Errungenschaften der Religion.
Ich glaube, wir brauchen wieder ähnliche Prozesse, die sagen können, was in „Glaube“ und „Hoffnung“ wahr ist. Religion hat das einmal geleistet, aber heute haben wir weder Glauben noch Hoffnung. Ich glaube, das ist ein persönlicher, gesellschaftlicher und evolutionärer Mangel – und er muss dringend behandelt werden.
Das würde allerdings bedeuten, Wahrheit bewusst durch Pragmatismus zu ersetzen. Wo hat dann die Vernunft noch ihren Platz? Genau hier, glaube ich: in der Entscheidung, welche unwahren Dinge wir glauben sollten. Diese Entscheidung sollte vernünftig getroffen werden.