Weisheit ist Philosophie, die funktioniert
Die Bedeutung von Philosophie ist (philia) die Liebe zur (sophia) Weisheit. Aber sie hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Heute beschäftigt sich Philosophie mit den grundlegenden Ideen und Konzepten unserer Welt. Was sind die Axiome unseres Universums – und was bedeutet es, dass es solche Axiome gibt? Was ist Gott – und wenn ja: wie viele?
Aber Weisheit hat einen anderen Charakter. Weisheit ist angewandt. Sie interessiert sich dafür, wie man das Leben klug navigiert. Sie ist nicht primär an „Grundwahrheiten“ interessiert. Sie behauptet: Die Suche nach Wahrheit ist oft wie dem Wind hinterherzurennen.
Die alten griechischen Schulen waren in diesem Sinne oft echte Philosophien. Darum ist Stoizismus heute kaum ein Thema in der akademischen Philosophie, aber sehr wohl im Coaching. Der Umgang mit Gefühlen und Dingen ausserhalb unserer Kontrolle ist für eine weise Person von höchstem Interesse – für den modernen Philosophen aber „unrein“, weil es Ideen mit Gefühlen mischt.
Unsere heutige Welt ist leider unterernährt an Weisheit. Es gibt kaum Influencer, die für Weisheit bekannt sind. Bekannt sind dagegen Wissenschaftler, Motivationsredner und Idole.
Wissenschaftler verbreiten Fakten. Gelegentlich tauchen sie ihre Zehen ins Wasser der Weisheit, fühlen sich aber ihrem Handwerk verpflichtet und geben darum meist nur Tipps, die durch Studien gestützt sind.
Motivationsredner lehnen sich an Weisheit an, aber sie haben eine unverwechselbare Tendenz zum Handeln. Sie wollen Menschen dazu bringen, Dinge zu tun. Das ist ein Teil von Weisheit – aber in bestimmten Lebensphasen auch unpassend. Weisheit muss ebenfalls lehren, wie man mit Grenzen umgeht: wo man sie bricht und wo man sie akzeptiert, weil Grenzen sogar gut sein können. Solche Nuancen passen selten in den Kopf eines Motivationsredners.
Idole sind Menschen, die besonders schön sind oder besonders viel erreicht haben. Eine weise Person kann sie studieren und nutzen. Sie sind wie der Polarstern: Sie zeigen eine Richtung. Ein Idol zeigt ein Extrem einer bestimmten Eigenschaft. Eine weise Person kann das Idol genau dafür studieren.
So trägt ein Idol Weisheit in sich – aber nur so, wie der Himmel ein schönes Bild „trägt“. Es braucht Kunst, daraus ein Meisterwerk zu machen. Idole selbst sind nicht die Träger von Weisheit, sondern Objekte, die man – je nach Urteil – studieren oder nachahmen kann.
Willenskraft ist eine begrenzte Ressource
Unsere Online-Welt wirkt, als würde sie von Menschen mit grosser Willenskraft dominiert. Sie starten Projekte und setzen sie um. Zumindest scheint es so – denn du siehst nur die Projekte, bei denen sie genug Willenskraft hatten, sie auch durchzuziehen. Das erzeugt den Eindruck, sie hätten „unendlich“ Willenskraft. Das ist ein Trugschluss.
Auf der anderen Seite gibt es Philosoph:innen, die behaupten, wir hätten freien Willen. Wir könnten uns jederzeit so oder so entscheiden. Diese Behauptung mag stimmen (darauf will ich hier nicht eingehen), aber sie ist praktisch oft irrelevant. Das ist okay – Philosophie beschäftigt sich mit Grundfragen. Aber die Botschaft „Du kannst alles, wenn du nur willst“ ist entweder optimistisch oder vielleicht sogar falsch.
Freier Wille – oder sagen wir einfacher: Willenskraft – ist begrenzt. Willenskraft zu nutzen kostet Energie. Wir können uns nur auf das fokussieren, was wir aktiv entscheiden – und verlieren dabei anderes leicht aus den Augen. Willenskraft ist eine Ressource, die man managen muss.
Wenn du das erkennst, verstehst du dein Leben auf einer tieferen Ebene. Statt dir für „morgen“ vorzunehmen, dich endlich zusammenzureissen, merkst du: Das ist kein nachhaltiges Muster. Du suchst nach Wegen, Entscheidungen so oft wie möglich aus der Willenskraft herauszunehmen.
Das erreichst du mit Gewohnheiten. Wenn du jeden Morgen fünf Liegestütze machst, braucht das am Anfang etwas Willenskraft – aber nicht viel. Später wird es zur Gewohnheit, und du kannst die Anzahl steigern. So nutzt du die Ressource Willenskraft klug.
Aber es geht nicht darum, Willenskraft abzuschaffen. Im Gegenteil: Du solltest sie stärken und trainieren. Nur nicht durch Dauerstress, sondern durch bewusst gewählte Herausforderungen im Leben.
Kalte Duschen zum Beispiel. Das ist eine Aktivität, die Willenskraft verlangt – aber schnell erledigt ist. So trainierst du Willenskraft. Und wenn kalte Duschen zu leicht werden, brauchst du eine neue Herausforderung.
Wahrhaftig verstehen
Ich bin eine Person mit verschiedenen Schwächen. Eine der Schwächen, die mich am meisten stört, ist meine langsame Lesegeschwindigkeit. Ich lese laut genauso schnell wie still. Ich habe verschiedene Speed-Reading-Techniken ausprobiert, aber mein Leseverständnis sinkt dann immer. Aber zumindest lese ich gerne. Weil ich ein langsamer Leser bin, sind ineffiziente Bücher meine Nemesis. Am schlimmsten ist es, wenn Bücher tatsächlich etwas zu sagen haben, aber ihre Länge sie für mich undurchdringlich macht. Ich habe mich durch mehrere lange Bücher gekämpft.
Wenn ich ein langes Buch mit wertvollen Inhalten wie „Maps of Meaning" lese, ist es interessant, aber ich spüre Wut in mir über die Ineffizienz des Autors mit meiner Zeit. Dieses Gefühl wird natürlich durch meine Lesegeschwindigkeit verstärkt. Aber eine Stärke, die ich durch meine Schwäche entwickelt habe, ist das Zusammenfassen. Ich kann jeden Text, jede Broschüre oder jedes Buch in einem Satz zusammenfassen. Ich liebe kompakte, inspirierende Aussagen – besonders wenn sie mir neu sind und keine Wiederholung dessen, was ich bereits kenne. Diese Fähigkeit, ein 1.000-seitiges Buch auf einen Satz zu reduzieren, kommt mir natürlich zu. Ich bin mir bewusst, dass ich viel weglasse, aber ich behalte den Funken der Inspiration, den ich in dem Werk gefunden habe.
Eine weitere Schwäche von mir ist die Erinnerung oder sogar das Behalten von Informationen. Mein Gedächtnis funktioniert offenbar anders als das meiner Bekannten. Ich habe viel gelesen und fast alles vergessen. Meine Mitstudenten fragten mich nach spezifischem Wissen in bestimmten Themen, aber ich wusste es nie. Ich konnte weder ein Theorem zitieren noch einen Beweis wiedergeben. Aber ich konnte raten. Zum Beispiel: „Es muss sich so oder so verhalten. Zumindest denke ich das." Das sind Gefühle von mir, aber sie sind in der Regel richtig. Ich absorbiere Informationen als etwas, das tiefer in meine persönliche Substanz eindringt, und hole sie hervor, wenn ich ein Problem habe. Aber weil es so tief in mir ist, kann ich nicht mehr sagen, woher ich es kenne.
Diese beiden Schwächen erlauben mir nun, Ideen auf neue und kreative Weise zu verbinden. Ich kann schnell Hypothesen bilden und testen. Ich kann komplexe Aussagen auf einen Satz reduzieren. Ich kann aus einem unbewussten Ozean assoziativen Wissens schöpfen und Themen verbinden. Für mich sind alle Informationen viel näher beieinander als für andere. Und wenn ich das mit meinen Mitmenschen vergleiche, verstehe ich kaum, wie man anders denken kann. Es gibt Leute, die Bücher lesen und den Inhalt wiedergeben können, ihn aber nicht in ihr Leben eingebunden haben. Das kann ich nicht verstehen. Das ist mir fremd. Entweder verändert mich ein Buch als Person, oder ich weiss nichts mehr darüber.
Daher meine etwas voreingenommene Hypothese: „Nur wenn ein Buch tief in deine Seele eingedrungen ist und dich als Person verändert hat, und du lebst dein Leben anders als zuvor, hast du seinen Inhalt verstanden." Alles andere kann Google für dich erledigen.
Wahre vergessene Ideen sind wertlos
Während Wissenschaft und Medien sich an der Wahrheit orientieren, verbreiten sich nebenan Verschwörungstheorien, die nicht einmal der Prüfung eines Zehnjährigen standhalten würden. Viele sehen darin den Zerfall der Medien, wenn sie die Wahrheit nicht mehr berichten, oder wenn Forschungsprojekte mit coolen Namen finanziert werden statt jene, die das Wissen der Menschheit wirklich voranbringen.
Und obwohl diese Kritik ein echtes Problem anspricht, geht es nicht um eine Abkehr von der reinen Wahrheit. Denn – auch wenn es nicht jeder glaubt – Wahrheit ist nur ein Werkzeug und nichts mit Eigenwert. Die Wahrheit zu kennen ermöglicht bessere Entscheidungen und bessere Vorhersagen. Aber das ist ihr einziger Wert. Und ja: Das ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte. Wer wirklich versteht, wie Atome funktionieren, kann Atombomben bauen, die dann wieder die ganze Erde beeinflussen. Wahrheit ist also entscheidend – aber wichtiger ist Überleben.
Statt unsere Welt an Wahrheit auszurichten, wäre es fruchtbarer, nach Überlebensfähigkeit zu streben. Wenn wir eine Wissenschaft der Überlebensfähigkeit von Ideen hätten, würde die Menschheit mehr profitieren als von noch genaueren Modellen darüber, wie die Quantenwelt funktioniert. Wenn wir wüssten, wie sich Ideen von einer Person zur nächsten verbreiten. Warum das überhaupt jemanden interessieren sollte.
Wenn du mir sagst: „Du musst so atmen und so, dann lebst du zehn Jahre länger“, und ich probiere es eine oder zwei Wochen und vergesse es dann – dann wurde die Aussage, selbst wenn sie wahr gewesen sein mag, vergessen, weil es mir egal war.
Toleranz für Torheit
Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich, wie viel Dummheit sie tolerieren kann.
Das ist eine andere Seite von Toleranz – und ein Gegenpunkt zu den Botschaften der Vernunft. Übliche Toleranz vermittelt oft: Alle Lebensentwürfe und Werte seien gleichermassen gerechtfertigt. Das mag häufig stimmen, aber ich sehe den Wert vieler Lebensentwürfe nicht. Ich halte manche für unmenschlich, kurzsichtig, naiv und töricht.
Aber was folgt daraus? Muss ich diese Haltungen bekämpfen? Vielleicht im persönlichen Gespräch, individuell. Doch ein Blick auf die COVID-Krise und auf andere Länder hat gezeigt: Je mehr „Torheit“ toleriert wird, desto besser geht es den Menschen. Das ist – paradoxerweise – die Botschaft der Freiheit.
Und was ist mit der Wahrheit? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir als Menschen können unsere eigene Unwissenheit schlecht einschätzen. Ein Blick auf die COVID-Krise macht das erneut klar.
Wissenschaft gepaart mit Politik führt nicht automatisch zu Weisheit, sondern kann in eine intolerante, absolutistische, unwissenschaftliche Doktrin kippen. Denn Massnahmen wirken oft nur, wenn alle mitmachen. Widerstand wird dann als feindlich betrachtet. Also dürfen Massnahmen nicht mehr hinterfragt werden. Das umgeht Wissenschaftlichkeit und Demokratie.
Das ist nicht als Kritik an der Bewältigung der COVID-Krise gemeint. Es ist nur ein Hinweis auf die Konsequenzen des Glaubens, man kenne „die Wahrheit“. Dieses Pseudowissen blockiert den Weg zu weiterem Wissen.
Darum müssen wir üben, tolerant zu sein gegenüber Menschen, die uns töricht erscheinen. Bist du religiös? Je mehr Religionen und Nichtgläubige du tolerieren kannst, desto besser. Bist du Atheist? Je mehr Religiosität du ertragen kannst, desto besser. Bist du links? Je mehr rechte Ideen du tolerieren kannst, desto besser (und umgekehrt). Bist du Kommunist? Je mehr Kapitalismus du tolerierst, desto besser.
Neben dieser Erklärung – wie „Wissen von oben“ sich selbst zerstören kann – gibt es ein weiteres Argument für Toleranz gegenüber Torheit: Anpassungsfähigkeit.
Je mehr unterschiedliche Menschen wir zulassen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir in einer zukünftigen Krise auch die „rettenden Held:innen“ bei uns haben. Wenn wir nur Gleichgesinnte dulden, sind wir nicht flexibel genug, um auf Neues zu reagieren.
The Ladder of Engel
Dieses Konzept stammt definitiv nicht von mir, sondern aus dem modernen christlichen Denken. Ich habe diese Idee allerdings erweitert.
Das ursprüngliche Konzept: Die Engelsleiter beschreibt das Modell, dass jeder Mensch sich auf einer bestimmten Stufe in seiner Entwicklung befindet. Die Skala beginnt bei etwa minus 5 und geht bis 5. Bei 0 stehen Menschen, die den christlichen Gott als ihren Retter angenommen haben und ihm vertrauen. Das Modell soll Menschen nicht nur dazu ermutigen, sich zum Christentum zu bekehren, sondern auch, sich von einer -5 auf eine -4 zu verbessern – also von feindlich gegenüber Gott zu ablehnend gegenüber Gott.
Ich hoffe, ich verliere jetzt nicht alle, die keine Christen sind. Denn das Konzept wird unbewusst auch in anderen Bereichen angewandt, zum Beispiel im Umweltdenken. Hier könnte 0 etwa sein: Ich bin bereit, persönliche Opfer für das Wohl des Planeten zu bringen. Und auch hier ist bereits Fortschritt erreicht, wenn jemand von „Umweltschutz ist nur politische Propaganda, um Steuern zu erhöhen" zu „Umweltschutz wäre wichtig, aber wir können es nicht tun" wechselt.
Dieses Konzept ist also viel allgemeiner, als es auf den ersten Blick scheint. Ich schlage vor, in Diskussionen oder Debatten nicht den eigenen Standpunkt zu vertreten, sondern die Grenzen der anderen Person zu erforschen. An den Grenzen des Wissens passieren wunderbare Dinge. So kann man der anderen Person helfen, ihre eigene Perspektive weiterzuentwickeln. Man lernt auch selbst, weil man die eigene Perspektive bereits zu gut kennt – aber wenn man die Gedanken anderer entdeckt, öffnen sich einem Welten. Idealerweise tut das Gegenüber dasselbe, und man bringt die eigene Perspektive voran. Beide helfen einander, die nächste Sprosse der Engelsleiter zu erklimmen. Diskutiert also nicht die Kernpunkte eurer Differenzen, sondern die Grenzen dessen, was ihr wisst.
Darüber hinaus hilft diese Perspektive auch, unnötige Streitigkeiten zu vermeiden. Wenn ich nach den Ansichten der anderen Person frage und eine unreflektierte Klischee-Antwort kommt, kann ich entscheiden, es dabei zu belassen und zu Smalltalk überzugehen – oder tiefer zu graben.
Soft Skills in Hard-Skill Jobs
Seit ich mit meiner Frau zusammen bin, habe ich Einblick in eine bisher unbekannte Welt gewonnen. Vorher war ich mit Fähigkeiten und Wissen beschäftigt. Aber wenn ich eine erfolgreiche Beziehung führen möchte, brauche ich mehr: sogenannte Soft Skills. Das Lesen zwischen den Zeilen des Lebens.
Beim Arbeitgeber meiner Frau, einem Krankenhaus, sind diese Fähigkeiten selbstverständlich. Die meisten Mitarbeiter können die Gefühle und Bedürfnisse anderer einschätzen. Sie stellen Fragen und versuchen, auf sie einzugehen – mehr oder weniger erfolgreich.
Bei meinem Arbeitgeber, einem Software-Dienstleister, ist es anders. Soft Skills sind selten, und die Welt ist eine der Hard Skills, eine der messbaren Leistung – zumindest scheint es so. An meinem ersten Arbeitstag ereignete sich ein fast klischeehaftes Beispiel: Ein Mann kam herein, der in einem Komitee für die Durchsetzung von Unternehmenswerten sass. Er erwähnte die vier Ebenen von Schulz von Thun. Dieses Modell beschreibt, dass wir auf verschiedenen Ebenen kommunizieren: die Sachebene, die Appellebene, die Beziehungsebene oder Selbstoffenbarung. Dieser Wertemanager sagte dann: „Wir kommunizieren auf der Sachebene in diesem Unternehmen." Dieses Beispiel ist süss: Er kannte die Ebenen, hatte aber nicht verstanden, dass wir nur begrenzten Einfluss darauf haben, auf welcher Ebene wir kommunizieren. Als er das sagte, musste ich sichtbar schmunzeln.
Meine Hypothese: Man kann sich von anderen durch Soft Skills und Hard Skills abheben. Mit Verständnis für Kommunikation kann ich mehr Initiative zeigen und aktiv Gespräche und Projektfortschritte beeinflussen – besonders, wenn mein Gegenüber auf dieser Ebene schwächer ist.
Darüber hinaus behaupte ich, dass auch Hard Skills einen Unterschied machen. Wenn der Chef meiner Frau allen gefallen will, kann sie das ausnutzen und ihre Anliegen durchsetzen. Aber sie kann sich auch durch bessere Leistung von ihren Kollegen abheben.
Produzieren statt konsumieren
Wenn mich eine Botschaft am meisten herausgefordert hat – und es immer noch tut –, dann ist es dieser Aufruf: „Tu etwas!“ Du beschwerst dich, dass du nicht reich bist, dass die Welt ungerecht ist. Du schaust ein Video nach dem anderen darüber, wie ungerecht alles ist, oder liest Bücher, die dir „helfen“, deinen Weg zu finden. Aber das Einzige, was die Welt verändert, sind Handlungen.
Konsumieren ist gut für Geist und Seele: um neue Gedanken kennenzulernen. Aber wenn du nichts tust, wirst du zu einer nutzlosen Wikipedia-Kopie. Ich kann mir selbst googeln, welche Übungen optimal sind, welche Diät gut ist, wie man produktiver wird. Oder auch, was die Theorien über Sinn und Gott sind. Wenn du das alles gelernt hast, bist du vielleicht ein interessanter Gesprächspartner – aber nicht interessanter als YouTube.
Lass mich dir eines sagen: Wenn du etwas länger als ein Jahr nur konsumierst, ist das ein Beweis für deine Faulheit. Kein Mensch hat so lange „Nachschub“ nötig. Leben muss gelebt und nicht nur verstanden werden. Die Ironie daran ist: Alle Medienschaffenden stehen auf der anderen Seite des Zauns. Sie versuchen, Inhalte zu schaffen, die Menschen inspirieren und voranbringen. Solange du passiv bleibst, wirst du dich von ihnen nie verstanden fühlen – weil sie Produzenten sind, nicht Konsumenten.
Und sobald du anfängst, etwas zu tun – einen Podcast starten, ein Buch schreiben, einen Filmclub gründen oder regelmässig trainieren –, beginnt die Reise. Du erlebst aus erster Hand, wie die Welt auf das reagiert, was du anzubieten hast. Sie wird dein Buch ignorieren, weil es „niemanden interessiert“. Du wirst im Kampfsport verlieren und negative Kommentare bekommen. Aber wenigstens bist du Teil des Spiels.
Wenn du dagegen nur konsumierst, bist du eine Ressource, die ausgebeutet werden soll: Unternehmen wollen dein Geld, Social Media deine Aufmerksamkeit. Wenn du aber produzierst, ändert sich die Beziehung.
Das ist der Moment, in dem der Segen beginnt. Du wirst Dinge tun, die anderen wirklich helfen. Du wirst in dunklen Zeiten eine Stütze sein. Du wirst die Welt verändern. Wie sehr, hängt nicht nur von dir ab – auch die Welt muss dich „segnen“. Trotzdem: Glaube, und du wirst sehen. Der Segen liegt an Orten, die du nie gesucht hättest.
Und als letzte Botschaft: Wenn du anfängst zu produzieren, dann erschaffe bitte etwas, das Menschen befähigt und nicht betäubt. Gib ihnen eine Stimme und die Möglichkeit, etwas zu verändern.
Meine Haltung ist: Wenn du mein Buch liest und danach noch ein weiteres von mir kaufen willst, habe ich etwas falsch gemacht. Denn du solltest selbst denken können – und den Inhalt meines „nächsten“ Buches selbst schreiben. Oder besser noch: Schreib dein eigenes.
Menschen, die Kinder nicht mögen, sind unheimlich
Das Internet ist ein Ort voller Nischen. Es fragmentiert die Gesellschaft. Eine davon: Katzenmenschen und Hundemenschen. Hundemenschen verstehen nicht, wie man ein Wesen lieben kann, das Zuneigung nicht „zurückgibt“.
Bei Kindern ist es ähnlich. Kinder bringen Chaos in dein Leben. Sie lügen, schreien und stinken. Aber sie sind auch unglaublich neugierig und leicht zu motivieren. Sie glauben viel und hoffen auf die Zukunft. Sie sind die extremste Form des Lebens selbst.
Wenn du Kinder nicht magst, zeigt das eine mangelnde Toleranz für das Leben. Denn das Leben stinkt eben manchmal – und man kann es nicht nur dann annehmen, wenn es angenehm ist.
Das Wunder des Lebens liegt oft genau in der stinkenden Windel. Wer sich konsequent weigert, sich mit Unangenehmem auseinanderzusetzen, beraubt sich einer der grundlegendsten Erfahrungen: Gold dort zu finden, wo man es am wenigsten erwartet.
Wenn du diesen Weg nicht gehst, findest du nur, was du ohnehin schon kennst. Und wenn das so ist: Wozu dann lebenslange Selbstabsorption?
Bedeutung ist wahrnehmbar
Die vielleicht grösste Frage der Philosophie – zumindest die berühmteste – lautet: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Und obwohl die moderne Philosophie versucht, diese Frage zu beantworten, und Religionen Antworten anbieten, die Aussenstehende entfremden können, bleibt es eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Warum mache ich das alles? Was ist der Sinn?
Und obwohl ich Ansätze habe, diese Frage philosophisch oder religiös zu beantworten, ist meine Hypothese hier eine psychologische.
Nämlich: Sinn kann wahrgenommen werden. Ohne genau zu wissen, was „Sinn“ ist, merken wir, wenn wir ihn haben. Ich fragte einen Freund, wann er Sinn erlebt: Er sagte, als er seiner Grossmutter half, habe es sich sinnvoll angefühlt. Für mich ist es das Schreiben. Oder wenn ich meine Pläne ändere, um für jemanden in Not da zu sein.
Und ich hoffe, jeder kennt diese Momente, in denen man sich mit dem Universum, mit Gott – oder was auch immer – verbunden fühlt und merkt: Da ist ein Sinn, der sich nicht leicht erklären lässt.
Von dieser Hypothese zurück zur Philosophie: Was ist der Sinn des Lebens? Ich weiss es nicht. Aber mit dieser Einsicht habe ich Messpunkte und Beobachtungen – und kann sie erforschen. Ich kann erkennen, was mir Sinn gibt, und auch allgemein, indem ich andere frage.
Die Frage verwandelt sich von einer unbeantwortbaren Nebelwand in ein Abenteuer.
Sei offen dafür, dass die Welt anders ist, als du denkst.
Liebe deine Kultur
Unser moderner Geist ist von Hybris geplagt. Er glaubt, viel zu wissen – und die Folgen politischer Massnahmen beurteilen zu können. Doch diese Beurteilung ist meist eher Teeblätterlesen als Wissenschaft. Denn wir können unsere eigene Ignoranz kaum abschätzen.
So argumentieren manche für oder gegen CO₂-Steuern. Für oder gegen Religion. Für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und all das sind massive Eingriffe in die Struktur unserer Gesellschaft. Zu glauben, man könne die Konsequenzen zuverlässig beurteilen, ist naiv.
Darum plädiere ich dafür, dich mit deiner Kultur und deinem System zu befreunden und sie als Teil deines eigenen Wesens zu betrachten – so wie du selbst Teil des Systems bist.
Versuche, Dinge langsam und lokal zu verändern. Mit einem Zeithorizont, bei dem du glaubst, die Folgen noch beurteilen zu können. Aber selbst das kannst du nicht vollständig.
Dein Leben verbessert sich grundlegend, wenn du dich als Teil deiner Nachbarschaft, deiner Stadt, deines Landes siehst. Wir bewerten vor allem objektive Dinge: Wir denken, wenn wir dem Nachbarn helfen, verbessert sich sein Leben. Dabei unterschätzen wir die psychologische Wirkung auf uns selbst.
Und es gibt genug toxisches Verhalten, das nur kämpft, um das eigene System zu zerstören – genauer: um Dinge einzuführen, die dieses Potenzial haben.
Das Leben ist ein Spiel
Diese Ansicht vertreten oft zynische Menschen, um ihr unmenschliches Verhalten zu rechtfertigen. Und doch: Auch wenn ihre Motivation fragwürdig ist, steckt in dem Satz ein Körnchen Wahrheit. Das Leben hat seine Regeln. Seine Konsequenzen. Es ist ein Spiel, das weiterläuft. Wer die Regeln erkennt und sich nicht von Ungerechtigkeit lähmen lassen will, ist im Vorteil. Das Leben ist ein brutales Spiel – und man muss an Vergebung glauben, weil das Leben nicht leicht vergibt.
Aber wenn wir das Spiel sehen, erkennen wir auch seine Regeln. Sie sind nicht willkürlich. Sie sind verständlich. Und doch sind es nicht die Regeln der Gesellschaft – keine Paragraphen aus Gesetzbüchern, keine blossen sozialen Normen. Nein: Die Regeln liegen tiefer in uns.
Die Regeln des Spiels haben überhaupt erst Gesetzbücher und soziale Normen hervorgebracht. Manche vermuten, es sei ein Spiel der Macht: Wer ist mächtiger? Das kann stimmen, je nachdem, wie man hinschaut. Aber Macht ist anders, als wir meist denken. Macht ist die Kraft, die etwas dauerhaft macht. Und diese Macht kann auch Barmherzigkeit und Selbstaufopferung sein – nicht nur politische Macht.
Was auch immer die genauen Regeln des Lebensspiels sind: Es lohnt sich, sie zu erforschen.
Wer die Regeln besser versteht, hat es leichter. Wer bereit ist, die Regeln immer wieder neu zu überdenken, gewinnt echte Macht – und verändert sein Leben und damit die Welt.
Sich zu beklagen ist nutzlos: Das Spiel wird so oder so gespielt.
Von Heuchlern lernen
Die Heuchler dieser Welt füllen unsere Bildschirme, ermahnen uns im Radio, erlassen Gesetze und halten uns ungerechte Vorträge. Oder so wirkt es. Und doch: Wer in der Aussage eines Heuchlers Wahrheit findet, ist ein echter Goldgräber. Wenn es in deinem Leben einen Ort gibt, an dem Gold zu finden ist, dann in den Lügen und Heucheleien deiner Mitmenschen. Sie erklären, warum sie mehr verdienen, obwohl sie nichts tun. Sie schreiben der Gesellschaft vor, wie sie sich zu verhalten hat, und glauben gleichzeitig, für sich selbst Ausnahmen machen zu dürfen.
Aber ein Argument wird nicht falsch, nur weil ein Lügner es ausspricht. Die Wahrheit bleibt unberührt und wartet darauf, entdeckt und genutzt zu werden. Wenn du in diesen Minen graben kannst, liegt dort ein Schatz – nur für dich. Während andere behaupten, es gebe nichts zu finden, schleppst du Nugget um Nugget an ihnen vorbei.
Sie sagen, wir sollten weniger fossile Brennstoffe nutzen, während sie selbst interkontinental fliegen. Sie behaupten, sie hätten eine harte Ausbildung durchlaufen und verdienten deshalb $120.000 pro Jahr – und ausserdem arbeiteten sie hart. Ihre Argumente mögen fehlerhaft oder zumindest widersprüchlich sein. Aber sie zeigen immer etwas darüber, wie das Leben funktioniert.
Vielleicht sollten wir tatsächlich weniger fossile Brennstoffe verbrauchen. Vielleicht arbeiten sie hart – oder auch nicht. Doch die zugrunde liegende Hypothese stimmt: Harte Arbeit wird mit höherer Wahrscheinlichkeit belohnt als Faulheit. Und falls nicht, kannst du aus dem Heuchler ablesen, welche anderen Eigenschaften belohnt werden: Selbstvertrauen zum Beispiel. Heuchler geben einen ehrlichen Einblick ins Leben, und das Spiel des Lebens wartet nur darauf, gespielt zu werden.
Für dich ist Fürsprache
„Ich bete für alle in der Türkei!“ So etwas las man nach den Erdbeben in der Türkei und in Syrien in sozialen Medien. Gläubige und Nichtgläubige kommentierten gleichermassen: Man solle helfen statt beten. Tu etwas, das einen Unterschied macht.
So richtig dieser Einwand ist, so naiv ist er auch. Ja – aber man vergisst, was beim Betenden passiert. Beten bringt etwas ins Bewusstsein. Man entscheidet sich bewusst für Mitgefühl und leidet ein Stück weit mit. Man lässt Emotionen zu und wird traurig oder wütend über eine Situation. Zu glauben, diese innere Bewegung sei nicht grundlegend fürs Helfen, zeigt, dass man nicht versteht, wie Menschen funktionieren.
Wenn man statt „Gebet“ sagen würde: „Geh in dein Zimmer, versetz dich in die Lage dieser Menschen und lass dich von ihrem Schicksal berühren“, würde kaum jemand das kritisieren und sagen: „Mach lieber etwas, das einen Unterschied macht.“
Meiner Meinung nach hilft Gebet nicht direkt – aber es verändert den, der betet. Und wer betet, handelt eher.
Darum: Lasst uns für die Opfer und die Täter der nächsten Katastrophe beten. Für unser eigenes Wohl – und für das der Opfer.
Gut ⟺ Wahrheit
Der menschliche Geist ist ein faszinierender Gegenstand. Er beschäftigt die Menschheit, seit wir schreiben können – und vermutlich schon viel länger. Immer wieder heisst es, Menschen seien besonders intelligent (oder moralisch oder kreativ) und deshalb grundsätzlich anders als Tiere. Die gleiche Rhetorik wird jetzt auf künstliche Intelligenz angewendet: Menschen seien wirklich intelligent, Maschinen würden nur „imitieren“. Was auch immer das bedeuten soll. Ich bin mir sicher, dass solche Behauptungen über künstliche Intelligenz genauso schlecht altern werden wie jene, die uns einst von Tieren abgrenzen wollten.
Wir unterscheiden uns von Tieren, und wir unterscheiden uns von Maschinen. Aber Ameisen – oder irgendetwas anderes – unterscheiden sich auf ihre Weise genauso. Natürlich ist die Diskussion darüber, was uns unterscheidet, enorm wichtig, denn nur durch sie können wir am Ende zu dem Schluss kommen, dass wir gar nicht so anders sind.
Ich finde das moderne Argument besonders mühsam, dass KIs „Fehler“ machen und das zeigen soll, dass sie ein Thema nicht „verstehen“. Aber wir Menschen machen auch Fehler, selbst wenn wir etwas verstehen. Wir haben Mechanismen entwickelt, um mit diesen Fehlern umzugehen:
- Es gibt Hierarchien, die Widersprüche beseitigen (wer mehr Macht hat, hat recht). Das ist ein sehr robuster Mechanismus.
- Ein modernerer Ansatz ist: Wer die anderen überzeugt, hat recht (Rhetorik, Argumente, Bestechung usw.). Das ist bereits ein Fortschritt, wenn auch nicht ganz zuverlässig.
- Moderne Wissenschaftler leben sogar in der Illusion, Wahrheit sei das entscheidende Kriterium. Aber natürlich ist das Wunschdenken: sozialer Ruf, überzeugende Formulierungen oder geschicktes Verdecken von Fehlern sind bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen oft wichtiger als Wahrheit.
Aber nehmen wir an, es gäbe eine solche Auswahl nach dem Kriterium „Wahrheit“. Glauben KI-Kritiker wirklich, dass KIs von so einem Selektionsprozess nicht profitieren können? Ich glaube, viele verlangen von KIs Vollkommenheit. Dabei brauchen wir im Kern nur ein Protokoll zur Fehlerkorrektur – vielleicht inspiriert von der menschlichen Welt.
Das ist nichts Neues. In Software ist der Qualitätsmassstab das Fehlen von Bugs. Und heutige KIs können bereits Tests schreiben und Fehler beheben. In der Mathematik gibt es Beweisverifikation, und KIs können das einfach nutzen. In unschärferen Themen könnte der Prozess dialogischer sein: Mehrere KIs könnten diskutieren und zu einem Konsens kommen.
All das ist nur ein Vorspiel zu einem anderen Gedanken. KIs wird vorgeworfen, Dinge nicht wirklich zu „verstehen“ und nur Buchstaben zu produzieren. Aber was bedeutet „Verstehen“ überhaupt? Was passiert in mir, wenn ich etwas verstehe? Ich habe gewisse kausale Intuitionen darüber, was passieren muss oder nicht – aber diese Intuitionen sind fehlerhaft, selbst in Bereichen, in denen ich Experte bin.
Meine These ist:
Auf der Suche nach Wahrheit gibt es nichts als Heuristiken.
Denn das eigentliche Selektionskriterium im Universum ist Existenz, nicht Wahrheit. Wir brauchen Intuitionen oder Mechanismen, die Gedanken hervorbringen, die uns beim Überleben helfen. Wahrheit ist nur insofern wichtig, als sie uns beim überleben hilft.
Aber vergessen wir nicht: Wir besitzen Wahrheit auch nicht. Wir etablieren sie durch Prozesse oder Protokolle – vielleicht ein SMT-Löser, ein Gericht oder was auch immer. Kein Individuum hat „die Wahrheit“. Es ist immer ein externer Prozess.
Es scheint, dass für die Evolution – oder für Gott – Wahrheit sekundär ist. Diese Analyse geht tiefer: Wir haben keine Wahrheit, und wir sollten diese Tatsache akzeptieren. Wir sollten erkennen, dass das etwas Gutes ist. Manchmal sind wahre Dinge nicht die, die uns helfen. Ich glaube sogar, es kann gut sein, Dinge zu glauben, die falsch sind. Falsch, aber gut – gut im Sinne von hilfreich.
Falsche, aber nützliche Dinge umfassen Bereiche wie „Glaube“ und „Hoffnung“. Glaube ist die Überzeugung an etwas Ungesehenes (etwas, das nicht messbar ist). Hoffnung ist dasselbe, in die Zukunft projiziert. Glaube und Hoffnung sind zutiefst religiöse Konzepte – und vielleicht eine der grossen Errungenschaften der Religion.
Ich glaube, wir brauchen wieder ähnliche Prozesse, die sagen können, was in „Glaube“ und „Hoffnung“ wahr ist. Religion hat das einmal geleistet, aber heute haben wir weder Glauben noch Hoffnung. Ich glaube, das ist ein persönlicher, gesellschaftlicher und evolutionärer Mangel – und er muss dringend behandelt werden.
Das würde allerdings bedeuten, Wahrheit bewusst durch Pragmatismus zu ersetzen. Wo hat dann die Vernunft noch ihren Platz? Genau hier, glaube ich: in der Entscheidung, welche unwahren Dinge wir glauben sollten. Diese Entscheidung sollte vernünftig getroffen werden.
Sauberkeit ist unmenschlich
Es gibt allgemeine Anzeichen dafür, dass bei einem Menschen etwas nicht stimmt. Aber es gibt eine Sache, die meiner Meinung nach kaum jemand beachtet: Wie sauber eine Wohnung ist, sagt viel über die Toleranz der Bewohner gegenüber Unvollkommenheit.
Situation 1: Ich will keine unangekündigten Gäste, weil meine Wohnung nicht ordentlich oder sauber ist
Das kann bedeuten, dass einfach zu viel los war, und du bewusst vernachlässigt hast, deine Wohnung sauber und ordentlich zu halten. Das ist das Best-Case-Szenario. Es kann aber auch sein, dass du dir das nur erzählst und deine Wohnung ehrlich gesagt deine eigenen Standards von Sauberkeit und Ordnung im letzten Jahr höchstens vier Wochen lang erfüllt hat. Dann musst du anerkennen, dass es ein Problem gibt. Dafür sehe ich mehrere mögliche Gründe:
- Entweder bist du überfordert und musst sofort langsamer machen.
- Du bist am Ende und willst es dir nicht eingestehen.
- Oder deine Standards für Sauberkeit und Ordnung sind unrealistisch.
Ich möchte den letzten Punkt ansprechen, weil die anderen mir selbstverständlich erscheinen. Sauberkeit und Ordnung dienen uns; sie sind kein Selbstzweck. Je nach Person helfen sie uns, uns zu konzentrieren, Dinge zu finden, Gedanken zu ordnen und spontan zu sein, weil man immer bereit ist. Das Leben ist voller Überraschungen. Ordnung ist nur ein Mittel zum Zweck. Deshalb ist es wichtig, eine realistische und zielgerichtete Definition von Ordnung zu haben.
Situation 2: Du besuchst spontan jemanden. Alles ist ordentlich und sauber. Du bist beeindruckt. Du musst ins Bad, und während du dir die Hände wäschst, bemerkst du, dass es keine Wasserflecken gibt
Das ist meiner Meinung nach viel schlimmer als die erste Situation. Denn es bedeutet, dass die Person ständig putzt. Sie toleriert keinen Schmutz. Es gibt keinen Raum für Stress oder Spontaneität. Es gibt keinen Platz für das Leben. Vorsicht vor solchen Menschen. Wenn sie das Leben mit seinen Folgen nicht aushalten, dann bleibt bald auch für dich kein Platz, sobald etwas "Schmutziges" an dir ans Licht kommt. Diese Menschen sind lebensfeindlich und ersticken ihr Umfeld. Ich kenne niemanden wie sie, der viele Freunde hat oder oft unter Leuten ist, weil das Leben zu unkontrollierbar, verletzend und abstossend wirkt.
Bist du selbst so jemand? Gut, dass du es bemerkst. Das ist bereits eine starke Leistung. Dein Leben könnte aber so viel reicher sein, wenn du ein wenig Chaos tolerieren könntest. Sonst baust du dir nur ein Gefängnis, und die Sicherheit, die du darin spürst, ist nicht real. Wahres Leben ist ein Tanz aus Freude und Schmerz, mit Schmutz und Seife.
Du kommst wahrscheinlich nicht allein aus deinem Gefängnis. Wenn du noch jemanden hast, dem du vertraust, dann bitte diese Person, dir nur ein kleines bisschen Chaos zu bringen. Hol dir ein Haustier oder lade ein Kind ein. Koch oder backe gemeinsam mit anderen. Wenn du niemanden hast, ist es vermutlich sinnvoll, professionelle Hilfe zu suchen. Das ist keine Schande.
Sei zufrieden, aber nicht selbstzufrieden
Dieser Satz sitzt tief in mir, und ich trage ihn seit vielen Jahren mit mir. Er ist die Grundlage für vieles, was ich erreicht habe und worauf ich stolz bin. Es gibt Menschen, die sich von Wut antreiben lassen – sie nutzen sie als Quelle von Kreativität. Für mich sind Ruhe und Gleichgewicht zentral.
Gelassenheit erlaubt mir, einen Schritt zurückzutreten und aus meiner begrenzten Perspektive auszubrechen. Sie schärft meine Wahrnehmung. Statt wie eine in die Ecke gedrängte Katze zu reagieren, versuche ich, wie ein Schamane zu sein: Ich sehe Wert an Orten, die ich früher übersehen habe. Diese Sicht treibt mich dann an. Ich will die Welt entdecken – aber noch mehr will ich mich selbst entdecken. Ich spüre den Drang zu schreiben, zu sprechen, zu beten, zu lesen, zu schaffen.
Ein Schamane sieht trotzdem, was getan werden muss. Er erforscht die Tiefe seiner Seele und bringt den Schatz an die Oberfläche. Ein Schamane kennt kein Ende der Arbeit, keine Pension.
Also: Sei nicht zufrieden mit deinem Output. Aber sei ein zufriedener Mensch.
Balance zwischen Schaffen und Konsumieren
Wenn ich mit einem Freund eine intensive Diskussion habe, ist das Einzige, was ich ihm am Ende oft sage: „Tu etwas.“ Wir tauschen unsere Obsessionen mit bestimmten Content-Creators aus, empfehlen Bücher und Filme, diskutieren, was in der Welt richtig oder falsch ist.
Aber wenn das alles ist, was du tust – Reddit lesen und Kommentare schreiben, ohne selbst etwas beizutragen –, wirst du zu einem überflüssigen und wertlosen Kritiker.
Die Magie des Lebens liegt im Beitrag: dich der Welt zu zeigen und neugierig auf ihre Antwort zu warten. Sind sie interessiert? Verstehen sie es? Ist es nützlich?
Du hast doch nichts zu verstecken
Wenn du nicht abschliessen musst, bist du in einem sicheren Land. Wenn du nicht abschliessen darfst oder kannst, bist du in einem Überwachungsstaat.
"Was ist dein Problem mit Einsicht in deine Daten vom Staat (oder sonst jemandem), wenn du nichts zu verbergen hast."
Bei diesem so oft wiederholten Zitat läuft es mir kalt den Rücken runter. Wie viel Schaden schon damit angerichtet wurde. Oft wird von Leuten, die meine Sicht vertreten, gesagt: «Niemand weiss, wann ein Staat durchdreht, und dann bist du froh, wenn sie deine Daten nicht haben.» Und obwohl das auch stimmt, so glaube ich, müssen wir gar nicht an diese Extremen denken.
Damit «Du hast ja nichts zu verbergen» zutrifft müssen einige Bedingungen gegeben sein.
- Rechststaatlichkeit: Das Gesetz wird korrekt für alle gleich durchgesetzt.
- Moralische Gesetze: Die Gesetze sind akzeptabel.
- Stabilität: Punkte 1 und 2 sind auch in Zukunft gegeben.
Ich behaupte nun, dass keiner dieser drei Punkte gegeben ist. Punkt zwei scheint vielleicht subjektiv, also, dass das nicht alle so sehen, aber ich glaube zeigen zu können, dass sie für niemanden vollständig akzeptabel sind. (Vielleicht nie akzeptabel sein können.)
Rechsstaatlichkeit
Formell behaupten viele Staaten, ein Rechtsstaat zu sein. Doch ist die Rechtsstaatlichkeit keine Ja/Nein-Eigenschaft eines Staats.
Ich selbst bin ein junger Schweizer mit Rechtsschutzversicherung und bin dennoch eingeschüchtert, wenn mein Arbeitgeber mich dazu drängt einen Vertrag zu unterschreiben, der ihm, wenn man in wörtlich liest, die Rechte an allen meinen vergangenen Werken einverleibt.
Wäre ich reich genug, hätte ich eine andere Mentalität, da ich wüsste, ich könnte mich durchsetzen. Die Rechtsstaatlichkeit hat wenig mit Gesetz und Gericht zu tun. Denn gewisse Personen werden bewusst (wie bei mir) oder unbewusst (komme ich noch dazu) eingeschüchtert, den Rechtsweg zu beschreiten.
Zusätzlich kommt eine Kosten-Nutzen-Rechnung dazu. Ist es mir das wert, den Aufwand zu betreiben, um dagegen vorzugehen? Wenn ich glaube, dass es ein illegaler Eingriff in meine Privatsphäre ist, was Chat-GPT oder Google mit meinen Daten macht, dann frage ich mich: Soll ich vor Gericht? Wen klage ich überhaupt an? Auf welcher Grundlage? Oder gehe ich besser arbeiten und danach nach Hause, Windeln wechseln? Ich entscheide mich jedes Mal für Letzteres. Das Gesetz wird also kaum durchgesetzt und das ist auch okay. Das Geheimnis liegt nämlich nicht im konsequenten Durchsetzen, sondern darin, dass sich Leute korrekt verhalten, ohne Gericht und Gesetz (später mehr dazu).
Andere hingegen sind eingeschüchtert, weil sie hier nicht zu Hause sind. Ich arbeitete die letzten Jahre mit vielen Ausländern zusammen. Einer davon ist ein etwas ängstlicher Italiener. Er spricht zwar eine Landessprache, aber das hilft ihm nichts in Schaffhausen. Bekommt er einen Brief vom Migrationsamt, versteht er ihn nicht. Er übersetzt ihn mit DeepL oder Google Translate. Bei ein paar Nuancen ist er sich nicht sicher, was es bedeutet. Er kommt aus einem Land, in dem «zum Schalter gehen» oder «telefonieren» nichts bringt. Also schreibt er eine E-Mail. Diese wird knapp beantwortet: Diese Antwort klingt für ihn bedrohlich. Und tatsächlich ist auch eine ganz normal formulierte E-Mail bedrohlich. Denn wenn er den Prozess (den er sprachlich nicht verstehen kann) nicht befolgt, muss er das Land verlassen. Man bedenke: Dieser Freund ist hochgebildet, wir machten unser Doktorat zusammen. Für weniger gebildete Personen muss das noch viel beängstigender sein.
Das Recht gilt keinesfalls für alle gleich. Die psychologischen, sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mechanismen sind viel zu komplex, um zu behaupten: «Jeder kann vor Gericht gehen. Also haben alle dieselbe Chance.»
Moralisches Gesetz
Der effiziente Weg in der Schweiz ist oft «Einfach machen und nicht fragen.» «Wo kein Kläger, da kein Richter.» (So viel zur Rechtsstaatlichkeit). Abschätzen, wo man diese Grenzen etwas locker sehen kann und wo nicht, können natürlich nur solche, die schon lange in der Schweiz leben. Hier ein paar dieser «Schweizer» Lösungen: «Ohne Velolampe auf dem Trottoir fahren, und dann absteigen, wenn jemand kommt» oder «Leere Spraydosen punktieren ausnahmsweise im Schwarzmüll entsorgen» oder «Für den Partner den Stimmzettel unterschreiben» oder «Unnötig links fahrende Autos rechts überholen» oder «Einen Netflix-Account mit nicht nur der Familie teilen» oder «Mal ohne ID nach Deutschland fahren» und so weiter und so weiter. Die Liste könnte ich beliebig verlängern. Und die Schweiz ist nur so effizient, weil solche Lösungen existieren. Weil wir mit gesundem Menschenverstand selbst entscheiden können, wann die Gesetze zu streng sind.
Wir schätzen immer wieder eigenverantwortlich ab, ob wir uns ans Gesetz halten wollen. Wir fragen beispielsweise: «Wie schlimm ist es wirklich, ohne Helm zu fahren?» oder «Wird eine andere Person gefährdet?» oder «Wie wahrscheinlich ist es, dass ich erwischt werde?» Diese Eigenverantwortung ist zentral und gilt es zu stärken und zu schulen und nicht abzuschaffen.
Alles in allem. Es ist tief in der Schweizer Gesellschaft eingebrannt, zu glauben, dass wir ein Rechtsstaat sind, und gleichzeitig uns immer wieder ungesetzlich zu verhalten, weil es bequem ist. Das eine ist ein nützlicher Glaube. Denn wenn wir glauben, dass wir uns gesetzlich verhalten in der Schweiz, dann vertrauen wir dem Staat und den Mitmenschen. Nur dieses Vertrauen macht unsere Gesellschaft effizient und sicher. Nicht die Gesetze und die Polizei.
Ich glaube, wir müssen beides: das Gute glauben und pragmatisch handeln.
Zwischenfazit
Zum Glück wurde das Schweizer Gesetz nicht oft rückwirkend geändert. (Was völlig wider den Rechtsstaat wäre.) Doch verändern sich Gesetze. Und was heute legal ist, ist es morgen vielleicht nicht mehr und umgekehrt. Das Gesetz spiegelt den momentanen Zeitgeist der älteren Bevölkerung wider (da diese in Positionen der Macht ist und auch mehr abstimmt).
Welche unserer «pragmatischen» Lösungen in Zukunft verteufelt werden, können wir heute nicht voraussehen. Wer hat also etwas zu verbergen? Jede und jeder! Denn es kann nicht erahnt werden, was mal schlimm sein wird und bei welchen Gesetzen man auf einmal nicht mehr ein Auge zudrückt.
Qualität einer Gesellschaft
DIE Eigenschaft, die der Schweiz den Wohlstand gibt, ist, dass Gesetze ohne Kontrolle eingehalten werden. Wenn du nicht abschliessen musst, bist du in einem sicheren Land. Wenn du nicht abschliessen darfst (Bankgeheimnis, Backdoor bei Verschlüsselung, Datenkraken usw.) bist du in einem Überwachungsstaat.
Was ist mit den Betrügern?
Doch warum wird denn überhaupt das Bankgeheimnis immer wieder angegriffen? Oder auch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hinterfragt? Es gibt Akteure in unserer Gesellschaft, die dieses flexible und auf Vertrauen basierte System ausnutzen. Sie begeben sich nicht in die Grauzone, sondern begehen Steuerhinterziehung, organisiertes Verbrechen oder verteilen auf digitalem Weg illegale Inhalte wie Kinderpornografie.
Das möchten alle verhindern. Und als Mittel dagegen werden Lösungen vorgeschlagen, die ein Missbrauchspotenzial mit sich bringen, das vielleicht genauso gross ist, wenn nicht grösser, als das Übel, das man verhindern wollte.
So wären Möglichkeiten denkbar wie: Die Polizei kann einen digitalen Durchsuchungsbefehl erteilen und wenn diesem nicht entsprochen wird, gibt es eine Bestrafung. Dieser Befehl muss individuell beantragt werden. Für eine solche Regelung braucht es kein Backdoor in Verschlüsselungen.